Lesen geht immer. Fast immer. Als der Fürst sehr krak war, da ging Lesen nicht mehr. Mein Hirn hatte keinerlei Kapazitäten frei für Bücher. Dabei habe ich schon in sehr jungen Jahren das Lesen als Flucht etabliert. Kaum hatte ich die ersten Buchstaben verstanden, las ich die Fibel komplett durch. „Da ist Uta“ hatte ich schnell drin und von dort war es nicht mehr weit zu kleinen Büchern, größeren Büchern, Superman-Comics, Prinz Eisenherz-Comics, Asterix-Heften und noch mehr Büchern. Ich las, was mir in die Finger kam. Und konnte so abtauchen. Was für eine Erleichterung.
In meinem ersten Zeugnis stand:
Ihre Leistungen im Rechnen sind gut, im Lesen und Schreiben sogar sehr gut.
Weil ich dann über das Lesen und Schreiben das Rechnen vernachlässigte, stand die in den folgenden Jahren über das Rechnen nie wieder ein gutes Wort. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lesen geht also. Und darum habe ich heute früh direkt nach dem Augenaufschlag neben mich gegriffen und „Frau des Windes“ von Elena Poniatowska aufgeschlagen. Das war um acht. Um kurz vor elf habe ich eine Maschine Wäsche angeworfen. Danach verschwnd ich wieder zwischen den Seiten.
Um halb zwei habe ich die Wäsche aufgehängt und bin gleich draußen sitzen geblieben, da war ich allein im Garten und las ohne große Störung. Um drei kam eine kleine Unterbrechung, als mich jemand mit spontanem Aufräumanfall von der Terrasse verteiben wollte. Mit wenigen Worten konnte das drohende Aufräumen abgewendet werden und dann saßen gleich zwei Menschen mit Büchern vor den Nasen auf dem ungemähten Rasen.
Um halb fünf setzte der Regen ein. Diese Pause nahm ich zum Anlass, ein bisschen Wäsche zusammenzulegen.
Und jetzt zu schreiben, dass ich dieses Buch liebe. Und die Frau, die es beschreibt, gleich mit.
In der Bücherei ausgeliehen, werde ich es mir kaufen, weil es zu den Büchern gehört, die ich haben möchte. Ich hatte immer viele Bücher, es werden stetig weniger, denn ich möchte die Bücher besitzen, die mich berühren.