Der Moment, in dem es kurz vergessen ist. Für Sekunden. Und ich mir die Pause gönne. Mir einfach vorstelle, er ist in Australien, läuft mit seinem Hut und dem Mückenschutz wie ein vermummter Imker um den Uluru und bestaunt die Farben. Ihm von Herzen einen schönen Tag wünsche, mit wunderbaren Erlebnissen. Als heiler Mensch ohne Wunden, ohne Narben.

Dann kommt die Wirklichkeit zurück, drangsaliert mich, erinnert mich an all die Verletzungen, an das verheerende Werk der Zerstörung, welchem er ausgesetzt war.

Es ist egal, wo ich gerade bin, dann schlägt mir eine unsichtbare Faust die Luft vor meinem Mund fort und es gibt nichts mehr, das ich atmen kann. Zittrige, heiße Wellen fließen durch mich hindurch und heiße Tränen tropfen auf Fenchel im Supermarkt. Tränken mein Auto von innen. Lassen mein Kissen nicht mehr trocknen.

Hat man eine große Familie, hat man im Laufe der Zeit auch viele Tote zu betrauern. Den einen mehr, den anderen weniger. Und dann gibt es noch die, die dir den Boden unter den Füße wegziehen. Die dir einen Schlag versetzten mit ihrem Abgang, von dem du nicht weißt, wie du ihn ertragen sollst.
Dann liegt die Seele offen da. Und es reicht, sich an der Schräge im Badezimmer zweimal den Kopf zu stoßen, wie es schon seit über einem Jahrzehnt regelmäßig passiert, um ein Weinen hervorzurufen, das mit einem Würgen endet. Wie früher. Als ich klein war. Wenn mich das Weinen so geschüttelt hat, dass sich der Magen hochdrückte und der Hals ganz wund war.
Wann habe ich in den Jahren zuvor so weinen müssen? Ich kann mich nicht erinnern. Das letzte Mal ist so unendlich lang her. Und jetzt? Beherrsche ich das Weinen nicht mehr, wie ich es mir erarbeitet habe, das Weinen beherrscht mich.

Soll es doch. Ist schon in Ordnung. Er hat es verdient, dass ich um ihn weine. Dass wir um ihn weinen.