Bei aller Trauer und Melancholie, manchmal muss man sich doch dem Banalen des Lebens ergeben. Man muss trotz allem Wäsche waschen, hin und wieder arbeiten gehen und mitunter muss man zur Post.
Und das war mein Ziel, dieses merkwürdige Mischwesen von Postamt, Schreibwarenladen und Nippesshop. Ich wollte ein Packet wegschicken. Ich hatte beim Aufräumen unzählige Hörbücher entdeckt, die in einem Schränkchen ihr Dasein fristeten. Und sie schienen mir recht depressiv zu sein, weil sie ihrer Berufung nicht nachgehen konnten. Statt sich in einem CD-Player zu drehen und Menschen mit ihren Inhalten zu amüsieren, lagen sie still, stumm und bewegungslos in dem Schränkchen herum.
Nun habe ich eine Tante, die mitunter an heftigen Schlafstörungen leidet. Was gibt es besseres, als sich von warmen und angenehmen Stimmen in den Schlaf reden zu lassen, mit spannenden, lustigen oder langweiligen Geschichten?
Das hatte ich ihr vorgeschlagen, als sie mir am Telefon einmal die Ohren wärmte mit ihrem Schlafunglück.
Ich empfahl ihr sofort das abendliche Hören. Mit Erfolg. Seitdem schläft sie schneller, besser, angenehmer und möchte auch keine Medikamente mehr.
Besagter Tante wollte ich all diese Hörbücher zukommen lassen, weil ich sie entweder schon gehört habe oder nicht hören möchte. Ich steckte sie zusammen in einen Schuhkarton, klebte diesen zu und fuhr zur Post.
Dort nahm ich mir ein Postklebchen für Pakete und wollte mich an den kleinen Tisch setzten, um Adresse und Absender zu schreiben. Aber es saß schon eine alte Dame da. Zu ihren Füßen ein fetter, alter Labrador, auf dem Tisch eine halb ausgekippte Handtasche, murmelte sie vor sich hin und sah recht angestrengt aus. Dann ging sie an den Schalter und redete mit der Frau Post. Die erklärte und erklärte, leider vergeblich. Die alte Dame verstand offensichtlich nur in Ansätzen, wie das Formular nun auszufüllen sei und was sie tun sollte.
Nachdem ich mein Klebchen ausgefüllt, aufgeklebt und mich an den Schalter gestellt hatte, konnte ich noch besser verfolgen, worum es ging. Die Dame wollte eine Überweisung von Western Union abholen. Jemand habe ihr Geld geschickt, sagte sie. Ihre Nichte. Erst waren es neunzig, dann neuntausend Euro und die Dame konnte sich an den Nachnamen der Nichte nicht erinnern.
„Ich kann Ihnen da wirklich nicht weiterhelfen.“, sagte Frau Post mit verzweifeltem Unterton und die alte Dame ging zurück zu dem Tischchen, unter dem der Labrador lag und ruhig vor sich hin stank.
Ich gab mein Paket auf und sagte dann, aus einem Impuls heraus:
„Ob ich wohl mal schauen soll, ob ich ihr helfen kann?“
„Wenn Sie Zeit haben, das wäre wirklich sehr nett.“
Eine dreiviertel Stunde und mehrere Telefonate mit der Nichte später war das Formular im vierten Anlauf richtig ausgefüllt. Wenn man nur einen Buchstaben im Namen des Geldsenders verändert, gibt es kein Geld. Und bei persischen Namen kann man das S schon einmal mit dem Z verwechseln. Ich hatte nämlich mittlerweile erfahren, dass die Dame gebürtige Iranerin war, das Geld aber mitnichten aus dem Iran sondern aus Bonn kam, sie von ihrem Mann geschieden ist, aber erst seit kurzem und seine Familie sich den Adelstitel im Namen im dritten Reich gekauft hatte.
Die alte Dame hatte vorher am Tag schon Ärger mit dem Taxifahrer und der Frisörin, was sie sich überhaupt nicht erklären konnte, mit ihren Töchtern hat sie nur noch wenig Kontakt und in ihrem Haus herrscht das Chaos. Sie sei aber keinesfalls dement, vielmehr sei all das Folge eines Schädelhirntraumas, dass sie sich vor irgendeiner Zeit zugezogen habe, als ihr eine Eisenstange auf den Kopf fiel.
Nun hatte sie neunhundert Euro in ihrer Handtasche, war völlig erschöpft und fing an zu weinen, als sie ihr Notizbuch nicht mehr in die Tasche geräumt bekam.
Man kann doch eine Dame über achtzig, die ganz offensichtlich nicht mehr vollständig Herrin über ihr Leben ist, allein mit neunhundert Euro durch den Ort laufen lassen. Zumal hier letztens erst eine Schießerei stattfand. Zwar nachts um zweiundzwanzig Uhr dreißig, aber wer weiß schon, wann die bösen Buben durch das Kaff laufen.
So packte ich sie und ihren Hund in mein Auto und brachte sie nach Hause. Dort angekommen, bat sie mich hinein. Und ja, es herrschte in der Tat das angekündigte Chaos. Allein bei den kurzen Blicken auf die Papier sah ich Worte wie Obergerichtsvollzieher, letztes Terminangebot, Pfändung, Betreuungseinrichtung und einiges mehr.
Sie fragte mich, ob ich ihr nicht helfen könnte, die Papiere zu sortieren. Ich fragte, ob es eine Betreuung gebe. So ging es munter hin und her, aber sie konnte oder vielleicht auch wollte mir manche Fragen nicht beantworten.
Nach einer knappen Stunde verabschiedete ich mich. Wir verblieben so, dass ich darüber nachdenken würde und mich dann in den nächsten Tagen bei ihr melden würde.

Jetzt denke ich nach.
Es kam also heute ein neues seltsames, schräges Vögelchen in meine Sammlung geflattert und ich muss schauen, wo ich es einsortiere.
Wie seltsam das Leben doch manchmal ist. Die alten Damen kommen von allein zu mir. Und dass ich zwischendurch in einem Betreuungsbüro arbeite, woher sollte diese alte Dame mit Betreuungsbedarf das gewusst haben?
Auf jeden Fall bin ich immer wieder erstaunt, wie Menschen leben und was das Leben ihnen gibt.