Warum ich um viertel vor zwölf noch wach bin?
Als ich jünger war, vielleicht zehn, elf oder zwölf, da wäre ich nie im Leben um viertel vor zwölf wach gewesen. Lieber hätte ich mir ein Bein abgeschnitten oder die Haare. Oder die Ohren. Aus lauter Angst. Denn, man weiß es doch, Schlag zwölf beginnt die Geisterstunde. Und die hat mich in meiner Jugend wirklich mit Schrecken erfüllt, so dass ich immer versuchte, um die Uhrzeit tief und fest zu schlafen. Damit ich all die verfluchten Geister nicht sehen musste, die sich mit dem letzten Glockenschlag aufmachten, ihr Unwesen zu treiben.
Geister waren für mich das Gruseligste, was es gab. Neben Werwölfen, Vampiren, Hexen und Trollen.
Vermutlich war ich das einzige Kind, dass sich bei Hui Buh fast zu Tode gruselte.
Heutzutage bin ich nicht mehr so empfindlich. Ich glaube nicht an Geister und all das andere Personal der Geisterbahn. Ab einem gewissen Alter hält das Leben an sich so viele Schrecken bereit, da braucht es keine Gespenster.
Um viertel vor zwölf mache ich mich also nicht mehr verrückt wegen des blutigen Henrys, der mit einer schartigen Axt über den Kirchplatz schleicht oder der grausamen Gundula, die in ihrem roten Nachthemd und mit irrem Lachen durch die Straßen schwebt, auf der Suche nach einem untreuen Ehemann, dem sie das Mark aus den Knochen saugen kann.

Um viertel vor zwölf hat man in meinem Alter eher Angst vor dem Telefon. Oder der Klingel. Denn man fürchtet um diese Zeit nichts mehr als schlechte Nachrichten. Zumal wenn die lieben Kinder nun allein mit dem Auto durch die Gegend fahren. Oder andere, die ebenfalls einen Führerschein erworben haben, fahren in Autos, die sie von ihren durchgeknallten Eltern vor die Tür gestellt bekommen.
Wie wäre es mit einem nagelneuen Dings X 4711? Gern mit hundert und mehr Pferdestärken. Ich möchte gleich fragen, ob das Wegesrandkreuz direkt mitgeliefert wird. Aber man möchte nicht pietätlos sein.
Und die eigenen Kinder steigen in genau so ein Geschoss ein. Und weil Jungs, wie ich lernen musste, manchmal zwischen den Ohren nur Sülze haben aber keinesfalls ein funktionierendes Hirn, kann das Angst auslösen. Sowohl die fehlende Hirnkapazität als auch die schnellen Autos.
Erst vor kurzem sah ich mich gezwungen, sehr eindringlich zu appellieren.
„Wenn einer etwas getrunken hat, dann steig nicht ein, Killerdog. Steig niemals ein…“
„Ja, Mama.“
„Wirklich, du darfst dann nicht einsteigen. Du musst aus dem Auto bleiben. Nicht reinsteigen. Das sind Todesfallen.“
„Ja, Mama.“
„Als ich jung war, da war ich furchtbar verliebt in…“
„… den Papa?!“
„Äh, ja, später. Ich war furchtbar verliebt in den Michael. Der Michael, den kannte ich schon in der Grundschule, da fand ich den nett. Später, als wir sechzehn waren, habe ich mich verliebt. Sehr heftig. Aber er zog weg, in die Ferne, und es war auch recht schnell vorbei mit der Verliebtheit. Dann ist er an einem Silvesterabend zwei Jahre später eingestiegen. Mit vier anderen. Und von den fünf Jungs im Auto hat genau einer überlebt. Der Fahrer.“
„Oh Menschenskinder, Mama. Ich steig nicht ein.“
„Schwör!“
„Ich schwöre.“
„Wenn du irgendwo stehst, egal wo, und du kommst da nicht weg, weil der Fahrer einen im Tee hat oder komisch verklärt aus den Augen schaut oder aggressiv rüberkommt oder alles zusammen, dann ruf mich an.
Ruf. Mich. An. Ich komme, zu jeder Tageszeit. Nachzeit. Egal. Wo ist auch egal. Aber steig nicht ein.“
„Jaha. Mach ich nicht. Ich rufe an.“
„Gut. Versprochen?“
„Ja doch.“

Eigentlich würde ich also um jetzt fast zwölf immer noch sehr gern schlafen. Wenn man schläft, hat man einige Sorgen weniger. Nur manchmal geht das nicht.
Denn schon damals war es mitunter die Furcht vor der Hexe, die mich eben genau dann nicht schlafen ließ, obwohl ich nichts lieber wollte.

Wobei ich heute lieber eine Hexe auf dem Dach hätte als einen Burschen im hundertdreißg PS-Auto.
Oder einen Vampir unter dem Bett. Einen Troll im Bad. Einen Werwolf im Bett. Ach halt. Wenn ich gerade mein Ohr ans Schlafzimmer halte, dann möchte ich vermuten, der Werwolf ist da. Aber er hat Asthma. Schlimm.

Sie kommen gut nach Hause. Sie kommen immer nach Hause. Alles ist gut. Nächstes Jahr habe ich wegen etwas anderem Angst. Ich überlege schon langsam, was ich dann zum Furchtobjekt machen kann. Eventuell Kirschtomaten. Die sind auch sehr gefährlich. Die können im Hals stecken bleiben. Unverantwortlich, wie jemand solche kleinen Tomaten erfinden konnte. Die bieten sich doch geradezu an, im Hals hängen zu bleiben.
Und möglicherweise brennt der Trockner. Bald.

Ach, Schluss jetzt. Ich geh ins Bett. Bevor ich mich noch in etwas reinsteiger.
Gute Nacht, es ist jetzt eh nach zwölf.

(P.S.: Ich habe jetzt in diesen Moment sehr große Lust darauf, braunen Kandiszucker zu knabbern. Das habe ich mit zehn auch gern gemacht. Was ist denn da wohl gerade im Hirn passiert? Kleiner Kurzschluss?)