Ich habe einen Stuhl gefunden.
Auf dem Weg vom Büro zum Auto, in einem Stadtviertel, in dem ich bei Dunkelheit nicht so entspannt herumschlendern würde, stand auf dem Bürgersteig ein Sperrmüllberg. Und mitten drin der Stuhl. Ganz einfach, aus Holz, ein alter Küchenstühl. Und bekleckert war er, mit weißer Farbe und rotem Lack. Auf den ersten Blick ein ziemlich olles Holzstück, ohne Charme und Anmut. Aber dann stellte ich ihn mir farbig in meiner Küche vor und schon hatte er sich an mein Handgelenk gehängt und ließ sich von mir zum Kofferraum schleifen.
Zuhause stellte ich ihn erst einmal vor die Tür. In der prallen Sonne verbrachte er den Nachmittag. Als ich mich mit allen innerhäusigen Tätigkeiten abgeplagt hatte, fiel er mir wieder ein und mit einem Lappen und Wasser rückte ich ihm auf die Pelle.
Da ein bisschen wischen und dort ein bisschen knibbeln, Farbe und Lack gingen gut ab. In meinen Gedanken befasste ich mich mit der Planung des Schleifens und Lackierens. Welche Farbe braucht dieser Stuhl?
Blau, sagte der Fürst. Gelb, sagte Killerdog. Was auch sonst. Immer diese Fußballmannschaftenfarbfixierung.

Dann kam der Gutfrisierte nach Hause, beschaute sich den Stuhl und war zumindest nicht abgeneigt.
„Welche Farbe? Gelb? Grün? Dunkelrot?“, fragte ich.
„Hmmm, gelb haben wir schon. Grün auch. Aber dunkelrot? Ich weiß ja nicht…“
„Dann eben rosa.“
„Okay.“
„Echt?“
„Ja. Streich ihn rosa.“
„Ja. Gut. Aber heute nicht mehr.“
„Nicht?“
„Nein. Ich habe keinen Lack in Rosa. Kannst du ihn in den Keller tragen?“
„Wozu das denn? Der soll doch wieder hoch. Wenn er erst unten ist, dann bleibt er nachher noch da unten.“
„Ach, Quatsch! Hier steht der doch nur im Weg rum. Der muss runter.“
„Ich stell ihn ins Stübchen.“
„HÄÄÄ?! Kannst du machen, aber nur in dein Stübchenzimmer.“
„Nö. Ich trage den keine Treppe.“
„Aber der soll nicht in mein Stübchenzimmer. Immer wird alles in mein Stübchenzimmer geworfen. Ich möchte das nicht. Das ist total blöd.“
„Also, wenn du jetzt dauernd im Stübchen wärst, dann könnte ich das ja verstehen, aber so ist das doch Unsinn.“
„Nein. Ist es nicht. Ich gehe da zwar nicht dauernd rein, aber ich will dauernd reingehen können, ohne dass alle ihr Gerümpel da abladen. Das ist mein Stübchen, meins. Der kommt da nicht hin.“
„Ich trage den keine Treppe rauf oder runter.“
„NICHT IN MEIN STÜBCHEN, VERDAMMICH.“
„Was ist denn los mit dir? Jetzt stell dich nicht so an…“
„Was los ist mit mir? WAS LOS IST? MIT MIR? Ich hab Wechseljahre. Da wird man eigen. Ich bin im Klimakterium mein Lieber. Das ist kein Vergnügen.“
„Ja. Merkt man.“
„Ach was…!“

Der Stuhl steht im Fahrradschuppen, ich habe ihn selbst da reingestellt.

„Komm ich jetzt noch richtig an mein Fahrrad?“
„Nein. Ich habe den Stuhl auf den Gepäckträger von deinem Fahrrad gefesselt.“
„…?“
„Scherz.“

Was habe ich am heutigen Nachmittag gelernt?
Es geht mir besser, wenn ich sage, dass ich Klimakterium habe.
Das macht dem Gutfrisierten Angst.