Ich wollte BHs ausprobieren. Mir die BHs im Internet anschauen, bestellen, anprobieren, den schönsten aller BHs finden und mir gleich fünf Stück davon kaufen.
Ich wollte im Garten sitzen, mir die Sonne auf den Kopf scheinen lassen und ein Buch lesen. Oder zwei. Ich wollte im Badezimmer den Putz von der Wand klopfen, neuen Putz darüber legen und mit Kalkfarbe streichen, um den Schimmel zu vertreiben.
Ich wollte mit offenen Augen durch den Wald gehen und sehen, wie das Grün immer dunkler wird, der Farn erste gelbe Stellen bekommt und man morgens schon den Herbst riechen kann.
Ich wollte ein bisschen Ruhe in mir spüren.
Mich mit meinem Parfum einduften und den ganzen Tag immer wieder an meinem Handgelenk riechen.
Ich wollte die Wunde meiner Trauer von einem dünnen Schorf bedeckt sehen und nur noch zweimal in der Woche die Verzweiflung spüren. Ich wollte nicht mehr jeden Tag diesen Moment erleben, wo mir die Luft vor meinem Mund weggerissen wird und ich keinen Ton mehr herausbekomme. Diese Augenblicke, in denen die Welt sich in irrsinniger Geschwindigkeit um mich herum dreht, jeder Ton durch mein Ohr direkt in mein Gehirn trifft und dort schmerzt.

Und nun?
Gehe ich in den Wald, bin eine halbe Stunde später wieder vor der Haustür und weiß nicht, wo ich lang gegangen bin, was ich gesehen habe, wem ich begegnet bin.
Koche ich ein Abendessen und weiß nicht, wie es schmeckt. Höre ich keine Musik mehr, weil ich sofort weine.
Schneide mir in den Daumen, mit der Schere, als ich versuche, mir ein Pflaster für meinen Fuß abzuschneiden. Reibe mir an der Muskatnussreibe die Fingerkuppe weg. Drücke mir beim Schneiden einer Mango das Messer in den Daumen und brauche wieder ein Pflaster. Stoße mir den Kopf am Fenster im Badezimmer. Stolpere über Stufen, knicke um, lasse alles fallen.
Und weine. Weine und weine, weil ich mich schneide, obwohl es so unwichtig ist, dass ich ständig Pflaster brauche.

Der Nächste, der sich auf den Weg macht. Der Nächste, der diese letzte Reise antritt. Ich bin noch nicht so weit, es ein weiteres Mal zu stemmen. Ich kann nur da stehen und denken: Nein. Nein. Nein.
Nicht schon wieder.
Und wie lange wird es dauern? Wie wird es werden? Es wird schon wieder ein Tod sein, der nicht sanft sein wird. Nicht gnädig. Wieder ein Krebs, dieses Mal in der Lunge. Schon jetzt ist kaum noch Atem.
Ein weiterer Vater, der geht. Der Vater des Gutfrisierten.

Ich kann nicht sagen, dass ich ihn sehr liebe. Er ist ein eigener Mensch. Aber er tut mir unendlich leid. Wieder ein alter Mann, der in einem Bett liegt, begreift, dass sein Ende kommt und weint.
Der allein ist, einsam vielleicht. Und weint, weil ich seine Hand halte und sein Gesicht streichle, was schon seit Jahren niemand mehr getan hat.

Und neben ihm steht die Erinnerung an die Monate, die hinter uns liegen. Sehe ich meinen Vater sterben. Der Schorf ist weggerieben und die Trauer liegt vor mir ausgebreitet. Der Tod beugt sich in unser Leben. Sachlich. Ohne Gefühl. Und alles, was ich tun kann, ist ihm mit Tränen zu begegnen.
Und der Angst. Denn er ist unabänderlich und lässt sich nicht in seine Karten schauen.