Ich bin in meinen Gedanken.

Ich fühle, wie es war, auf dem Boden mit dem Kopf auf einem kackbraunen Sessel-Cord-Kissen zu liegen, die Füße zwischen heiße Heizungsrippen geschoben, ein Buch vor der Nase. Drumherum völlige Stille. Die kleine Schwester außer Haus, der Vater auf der Arbeit, die Mutter auf der Couch, den Kopf hinter dem eigenen Buch versteckt.
Ein Moment der Ruhe. Und darin verschwunden zu sein. In Mittelerde, Phantasien oder in einem englischen Internat. Manchmal auch gemeinsam mit den Rittern auf der Suche nach dem Gral zu sein. Oder den Burschen zu begleiten, der versucht ein Schwert aus einem Stein zu ziehen. Und natürlich die Welt zu retten. Vielfach. Ob nun mit dem Stählernen, der Unterhöschen über der Strumpfbuxe trägt oder mit dem Fledermausmann, der ein reicher Playboy sein soll.

Ich sehe den kleinen Flummi, den ich vom Balkon im ersten Stock warf, weil ich wissen wollte, ob er so hoch auch wieder zurückspringen kann. Und die Möbel des Puppenhauses im Sturzflug, bei der Überprüfung von Schwerkraft, Ursache und Wirkung.

Ich wandere durch das alte Haus meiner Großeltern. Ein Ort, der in meiner Seele wohnt. Ein Ort von tausend Erinnerungen.
Jeder Raum ist angefüllt mit Geschichten. Im ersten Raum rechts, früher das Wartezimmer, als Urgroßvater Emil seine Praxis unterhielt, dann als Spielzimmer genutzt. Dort fanden Geburtstagsfeiern meines Onkels statt, der nur zehn Monate älter als ich, zwei Monate nach mir feierte.
Als wir nicht mehr Verstecken im Dunkeln spielten, kein Topfschlagen und kein Hänschen mehr piepte, da wurde die Heißmangel in das Zimmer gestellt und nun roch es immer nach gemangelter Wäsche. Meine Großmutter saß auf einem Stuhl, schob Wäschestück für Wäschestück durch die Mangel, die Laken und Bezüge mit leisem Zischen einzog und auf der anderen Seite glatt und fest wieder heraus schickte.
Ich durfte niemals auch nur ein Geschirrhandtuch zwischen die dicken Rollen stecken, meine Großmutter fürchtete sich zu sehr davor, dass Finger oder gar das ganze Kind hineingeraten könnte.

Gedanken an Flugzeuge, früher mochte ich das Fliegen. Als Kind war ich begeistert. Einsteigen in dieses wunderliche Gefährt mit Flügeln und nach einigen Stunden wieder aussteigen und in einer vollkommen anderen Welt sein.
Anderes Licht, andere Luft, andere Gerüche, Palmen am Weg und flirrende Hitze.

Zurück in Zeiten, die lange vergangen sind.
Meine Schwester, noch klein, die schon mit einem Jahr dank meines leidenschaftlichen Einsatzes anderen Menschen einen Vogel zeigen konnte.
Mein Leben, noch wenig gelebt, und doch voll von Erlebnissen. Guten und schlechten.

Blicke in mein Bücherregel. Soviele Bücher habe ich weggegeben. Ich werde sie nicht mehr lesen. Nur wenige müssen bleiben. Als ich anfing zu arbeiten, wenig Geld hatte, als Köchin in der Ausbildung gab es nicht viel und ich lebte da das erste Mal mit dem Gutfrisierten zusammen, ging ich jeden Monatsanfang in das Buchgeschäft drei Häuser weiter und kaufte mir ein Buch. Manchmal auch zwei. Lieber Leitungswasser trinken als nichts zu lesen haben.

So wandere ich durch meine Erinnerungen, durch meine Gedanken, lasse mich treiben und mache Bögen um die Dinge, die mich verletzen, die mich schmerzen. Fliehe vor dem Jetzt.
Tauche in dem, was war, um nicht zu sehen, was ist.