Sterben ist nicht wie im Film. Oder soll ich sagen, Hollywood lügt?
Wirklich? fragt sich der ein oder andere, der gern einmal eine Lüge glaubt.
In der Love Story schloss eine bezaubernde junge Frau engültig die Augen und sah dabei verblüffend gut und gesund aus.
Das passiert ja ganz gern einmal, dass sie so hübsch aussehen, wenn sie sterben, im Film, die jungen Damen.
Und sterbende Herren? Nun, die sind in der Regel kraftvoll und sterben durch dumme Dinge wie gewaltige Orkverbände. Oder Unfälle. „Er ist tot, Jim“ sagt dann jemand. Und man ist ein bisschen traurig, dass wieder ein smarter Kerl in schneidiger Uniform auf irgendeinem fremden Planeten durch die Hand einer fremden Lebensform zu Tode kommen musste.

Ich selbst konnte in jungen Jahren nicht genug davon bekommen, theatralisch zu sterben. Allein in meinem Zimmer legte ich mich auf mein Bett oder wahlweise auf den Teppich. Ich breitete mein Haar, wenn es denn gerade lang genug war, wie einen Strahlenkranz um mein Haupt, was immer ein bisschen schwierig war, weil man dafür ja den Kopf still halten musste. Aber bei der Bewegung der Hände, Arme und Schultern bewegte sich eben auch der Hals und der Kopf und der Haarkranz lag nicht recht zu meiner Zufriedenheit. War das Haar zu kurz für solche Feinheiten, bastelte ich mir einfach etwas aus vielen Wollfäden. Ein ordentliches Sterben war nur mit optimaler Haar-Korona eindrucksvoll.
Wenn ich es geschafft hatte, mein Haar annähernd zu drapieren, schloss ich die Augen und stellte mir intensiv vor, wie ich meinen letzten Atemzug täte. Noch einmal die Luft durch die Nase einsaugen, das Gesicht entspannen, mit einem sanft entrücktem Ausdruck die Lippen leicht öffnen und die Luft zart entweichen lassen.
Der letzte Atem. Das letzte bisschen Leben herausgeben in die Welt und dann fallen in die Unendlichkeit. Wenn ich richtig im Methodacting versank, konnte ich schon einmal völlig panisch aufspringen und nach Luft schnappen, weil mich plötzlich die Gewissheit durchfuhr, mich selbst aus Versehen totgedacht zu haben und nie mehr wieder einatmen zu können.
Vor allem, wenn ich zu der Atemübung noch gedanklich all meine Glieder in einen Zustand der Schwere und Lähmung gedacht hatte.

Von außen betrachtet lag also eine Zehnjährige auf einem spinatgrünen Achtzigerjahreteppich wie aufgebahrt mit drappiertem Haar, um im nächsten Augenblick hochzuschießen wie von der Tarantel gestochen, zu hecheln, zu zappeln und das Gefühl zu haben, gerade noch einmal davongekommen zu sein.

Wenn ich mein Onkelchen, den fast gleichaltrigen, überzeugen konnte, mitzumachen, dann hielt er mich im Arm, hauchte mir ein Adieu ins Gesicht und ich konnte meinen Kopf nach hinten fallen lassen und ich starb nicht allein. Was für das Gesamtdrama ein echter Pluspunkt war. Allein eingebildet zu sterben war deutlich bedrohlicher.
Onkelchen wollte auch manchmal sterben, davon war ich weniger begeistert, er wollte stets von mir erschossen werden. Als es ihn dann wirklich erwischte, war es ein Anblick, den mir der Bestatter nicht erlauben wollte. Kein schönes Sterben mit sanftem Blick, kein Gleiten in andere Sphären.

Und das ist die Wahrheit. Kein Film, kein Weichzeichner, die Wirklichkeit ist eine Herausforderung.
Wie Geburten, so ist auch das Sterben aus dem Blick gerückt. Wer ist heute schon noch zugegen, wenn geboren oder gestorben wird?
Gebären wird seit einigen Jahren im Fernsehen gezeigt, Berichte aus Geburtsstationen, von glücklichen Momenten berichtet, spannenden, gefährlichen, aber meist mit einem Ende, bei dem man trotzdem ruhig schlafen kann. Der Tod?
Der wird nicht im Fernsehen verwurstet. Und warum? Weil es mit dem Glück und dem ruhig schlafen nach einem drei Tage währenden Sterbeprozess vermutlich nicht weit her ist. Das lässt sich nicht in schönen Bildern einfangen.

Eine Hülle, die auf dem Bett liegt, zur Seite gedreht, damit Sekrete ablaufen können, die sonst wie bei einem Springbrunnen im Mund immer wieder hochgeatmet werden, Arme und Beine dünn und nahe an denen einer Mumie, das Gesicht sonderbar gefärbt, eine Mischung zwischen grau, gelb, blass und wächsern. Jeder Atemzug brodelt und wenn einer plötzlich fehlt, ein Bruch im Rhythmus, die Brust sich kurz nicht mehr bewegt, sitzt man da und wird innerlich ganz kalt.
Dann hofft man. Fleht. Schreit im eigenen Kopf: Lass gut sein, jetzt. Es kann dein letzter gewesen sein. Es reicht. Stirb. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr hier sitzen und dir zuschauen. Ich kann nicht mehr zuhören, wie jeder Atemzug dich quält. Du hast keine Schmerzen, sagen sie. An deinem Gesicht können sie das sehen, sagen sie. Aber ich weiß, du bist gequält. Nie wolltest du so sterben. Nie im Leben. Aber Sterben ist auch kein Wunschkonzert. Das sanfte, thaetralische Hinübergleiten, das Drama auf der Bühne, weiche Gesichter, sanfte Züge, all das ist eine Lüge. Kein Hollywood am Sterbebett.
Es ist ein Kampf. Ein Kampf um das Loslassen. Ein Kampf um das Gehen. Das Verschwinden.

Eine Ärztin stand am Bett und sagte, es geht ihm soweit gut. Seine Stirn liegt nicht in Falten.
Und ich sagte, wenn ich mit einem Hund in diesem Zustand zum Tierarzt gehe und sage, geben wir ihm doch ein paar Schmerzmittel und dann lassen wir der Natur ihren Lauf, dann wird der Tierarzt mich anzeigen wegen Tierquälerei. Aber ein Mensch, der darf diesen Kelch bis auf den allerletzten Tropfen ausschlürfen, weil es vielleicht für irgendetwas gut sein könnte. Etwas, dass sich mir nicht erschließt. Nicht einmal ansatzweise. Sterbehilfe? Aktive Sterbehilfe? Ja. Ein großes Ja.

Was hätte ich darum gegeben, es zu dürfen. Ihm zu helfen, diese letzte Klippe zu umschiffen. Eine Abkürzung zu gehen um nicht stundenlang, nächtelang durch diese völlig von Krebs zerstörte Lunge atmen zu müssen. Den Kopf immer ein kleines bisschen zu heben, den Hals zu strecken, um vielleicht noch ein klein wenig mehr Luft zu bekommen. Denn gereicht hat die Luft nicht mehr. Zu wenig Luft. Was das für eine Qual bedeutet, ich kann es mir nicht einmal auf einem grünem Teppich vorstellen.

Nach Stunden die unendlichen wirkten, die nicht vorbeigehen wollten, Minuten, die herauströpfelten aus der Welt, kam der letzte Atemzug. Das Herz schlug noch, ich konnte es sehen, es klopfte am Hals. Aber der Atem hörte auf zu fließen. Er stockte, kam noch einmal zurück, stockte wieder, dann ein leises Stöhnen und noch ein Heben der Brust. Dann war es vorbei und die Sonne schien.

Das ist kein Film, das ist die Wirklichkeit. Es ist nicht weich, sanft, liebevoll. Es ist unsagbar anstrengend, schmerzhaft und kostet Überwindung.
Und ich muss jetzt das zweite Sterbetrauma des Jahres bearbeiten. Denn wenn es ein Geburtstrauma gibt, dann gilt das auch für das Sterben.

Und deshalb werfe ich dem Schwiegervater jetzt noch ein paar Worte hinterher, fernab von Hollywoodharmonie:

Zum Glück ist es jetzt rum, Alter. Echt.

 

(Und jetzt für alle, die zum Schluss noch einen Scherz vertragen können:
Die letzten Atemzüge kündigten sich an. Das Gesicht verrutschte so seltsam nach links und es stockte und röchelte in seiner Brust. „Klingel mal“, sagte der Gutfrisierte. „Meinste echt? Ist doch okay, wenn er jetzt stirbt.“, sagte ich. „Ja, klar, aber klingel trotzdem, bitte.“
„Mach ich.“ Und ich klingelte. Und herein kam nur Sekunden später ein junges Ding. Schwesternschülerin. Noch frisch im Hospizgeschäft.
„Er ist tot.“, sagte der Gutfrisierte. 
„Nein.“, sagte das junge Ding. Und der Vater des Gutfrisierten tat in der Tat noch ein bis zwei sogenannte Nachschnaufer.
„Doch, der ist tot, echt.“
„Aber der atmet noch.“
„Nein, der tut nur so. Der ist wirklich tot.“
„Aha. Ja dann… lass ich Sie mal in Ruhe.“
Sprach`s und entschwand. Und ich konnte nur noch denken:
„Der Vogel is doud… Mausedoud. Der lernt jetzt oben bei den Engeln snacken.“
https://www.youtube.com/watch?v=v_fuUSe1nBs)