Ich habe staubige Hände. Die Nase kribbelt und die Augen sind trocken. Papier um Papier schaue ich durch. Ordner für Ordner. Ein Leben. Ein seltsames Leben eines seltsamen Mannes. Er hat nicht viele Dinge angesammelt. Manche Menschen sind umgeben von tausend und abertausend Sachen, die sie brauchen. Ein Geschirr mit Tellern für sechsunddreißig Personen. Für den Fall, dass einmal eine gewaltige Party stattfinden würde. Wenn man wollte. Und falls es zu der Gelegenheit ein Menü mit vier Gängen gäbe, bräuchte man Vorspeisenteller, Suppenteller, Teller für den Hauptgang und noch welche für das Dessert. Und weil wir daran gewöhnt sind, nicht mit den Fingern zu essen, braucht es für jeden Gang Besteck. Und Gläser, weil das gemeinsame aus der Flasche trinken nicht ganz comme il faut ist.
In der kleinen Wohnung gibt es keine sechsunddreißig Teller. Auch keine sechsunddreißig Gläser. Die Teller und Gläser sind zusammengewürfelt. Gekauft irgendwann in den achtziger Jahren. Mit für diese Zeit typischem Design. Sechs Teller und ein paar Gläser. Dann noch acht große Teller in einem Schrank im Schlafzimmer. Dort stehen auch ein paar Flaschen Rotwein.
Staubig sind meine Hände. Jedes Papier ist sorgfältig abgeheftet. Selbst ausgeschnittene Zeitungsartikel über Ulli Hoeneß, über die Fehler der Sozialdemokraten und was Nostradamus dazu sagt, wie die Welt sich heute dreht.
Dazu eine Liste der Schulnoten der Söhne in den ersten vier Schuljahren.
Ein Ordner mit Rechnungen von der Jahrtausendwende.
Urkunden von der Bundeswehr, Beurteilungen, die sagen, der Soldat wäre durch seine besonnene Art ein guter Soldat gewesen. Sein zurückhaltendes Wesen wäre angenehm und die Kameradschaft verlässlich gewesen.
Andere Papiere zeugen von einer gewissen Streitlust, die sich in dem ein oder anderen Gerichtsurteil zeigte.

Die Wohnung ist sachlich. Der große Sessel und der große Fernseher stehen sich Auge in Auge gegenüber. Könnten sie sprechen, sie würden erzählen von langen Nächten, in denen einer dort saß, allein, vielleicht sich selbst genug. Vielleicht allein. Einsam? Zufrieden mit der eigenen Gesellschaft?
Einer, der für Gefühle nichts übrig hatte; einer, der recht hatte.
Der von sich behauptete, in seinem Leben zwei Fehler gemacht zu haben. Zu rauchen war der eine. Keine Tochter zu haben der andere. Sonst hat er alles richtig gemacht.

Die Blumen sind aus Plastik, ihr Grün ist verblasst und sie verlieren ihre Blätter.
Die wenigen Bilder an den dunklen Wänden sind exakt in gleichem Abstand, gleichem Winkel. In der Vitrine der Schrankwand liegen die Häute der Vogelspinne. Erstarrt, tot liegen sie verteilt auf einem Kerzenständer, in einer kleinen dunkelblauen Kaffeetasse mit Goldrand.

Niemand ist da in dieser Wohnung. Sie ist leer. Sie ist still. Mit staubigen Händen sitze ich am Sekretär und stelle ihn mir vor. Wie er durch die Wohnung geht, um in der Küche Bratkartoffeln aus einer Tüte in eine Pfanne zu schütten und auf dem Herd aufzuwärmen. Dazu öffnet er sich eine Dose Bohnen, für die Vitamine.
Dann sitzt er nicht an den kleinen Tisch, auf den kleinen Stuhl. Er nimmt den Teller mit aus der Küche, schiebt sich die Kartoffeln in den Mund.
Schaut Fernsehen. Wenn der Teller leer ist, ist er satt. Er spült den Teller sofort ab und stellt ihn zurück in den Schrank. Als wäre nichts gewesen, so sieht die Küche aus. Als hätte niemand gekocht. Er geht wieder zum Sessel, schaut weiter.
Fußball. Sport. Tag für Tag. Nacht für Nacht.

Ich sehe ihn, wie er sich auf den Sessel lehnt, die Luft reicht nicht, er kann nicht sagen, was er sagen möchte. Ich nehme seine Tasche und bringe ihn aus der Wohnung zum Auto, auf dem Weg denke ich, was ist, wenn er nie wieder herkommen kann? Was ist, wenn er nun das letzte Mal in seiner Wohnung war? Kein Nach-Hause-Kommen.

Ein hoher Stapel von Papieren, die nach mir niemand mehr anschauen wird, die verschwinden. Papiere, auf denen steht, dass der Soldat zwar in Physik nicht gut, in Wirtschaft aber umso besser war. Papiere mit Danksagungen für seine geleisteten Jahre für das Volk. Papiere, die ihm etwas bedeuteten. Vielleicht. Meine Hände sind staubig von all den Papieren. Meine Augen trocken. Ich fliege über die Worte, an manchen bleibe ich hängen, sie fangen mich und ich denke an den Mann, der diese Blätter sammelte. Frage mich, was ihm wichtig war an dem Strafzettel. Warum er wohl vor über zwanzig Jahren acht Kilometer zu schnell gefahren ist. Warum sich ein Erinnern daran lohnt.

Ich finde nicht eine Antwort. Ich bin in dieser Wohnung und es ist still. Als wäre niemand dort gewesen.