Sie sieht ihm in die Augen, lächelt und sagt: „Danke für den Kaffee.“
Er lächelt zurück, streicht ihr sanft über die Schläfe, fährt mit dem Zeigefinger ihre Wange herab und berührt ihre Lippen.
Sie greift nach seiner Hand, hält sie sanft fest. Er beugt sich vor, sie spitzt ihre Lippen und dann… dann… bin ich traumatisiert.
Sie küssen sich und ich bin von Gänsehaut und Schüttelfrost geplagt.

Das erste Mal fand die Traumatisierung statt als ich fünfzehn oder sechzehn war. Ich vermute, dass die meisten Menschen in dieser Zeit eine Kuss-Traumatisierung erleiden.
Es ist die Zeit im Leben, wo geknutscht wird, dass sich die Balken biegen. Also früher war das zumindest so. Da wurde auf Partys Flaschendrehen gespielt („Auf wen die Flasche zeigt, der muss den Erich küssen…“), mal nach links gedreht, mal nach rechts („Auf wen die Flasche zeigt, der muss die Sabine küssen…“), das gute alte WahrheitoderPflicht-Spiel wurde durchexerziert („Pflicht? Okay, dann musst du jetzt den Thomas küssen…“) und nur die Feiglinge nahmen die Wahrheit („Wahrheit? Okay, hast du schon mal den Jürgen geküsst?“), auf jeden Fall drehte es sich meist um die Berührung zweier Lippenpaare.
Und je härter man draufkam, je heftiger die Drüsen mit Hormonen um sich warfen, um so hemmungsloser wurde das Ganze („Jetzt aber mal mit Zunge…!“).
Gegen Ende solcher Festivitäten tanzte man den Blues. Und bei dem wurde dann freiwillig geknutscht.
Aber was war das nur für ein Geknutsche?
Ein Geschlabber und Gesabber, Genuckel und Geknabber.
Und dann war man erstmal zusammen. Für den Rest der Party. Wenn man sich drei Tage später wieder traf und der Küsser einem zur Begrüßung schon gleich einen weiteren Schmatzer verpassen wollte, beendete man die Sache ziemlich flott. Also ich. Aber meine Freundinnen auch.
Und wir tauschten uns darüber aus, welcher Junge ein Nassküsser war und wer es schon ein bisschen besser drauf hatte.
Nassküsser. Widerlich.
Anschließend brauchte man ein Taschentuch, um die Restfeuchtigkeit aufzutupfen und anschließend ein Bad mit Waschbecken, um die fremden Verdauungsenzyme aus dem Gesicht zu entfernen. Manch einer hat beim Küssen den Mund so aufgerissen, dass man befürchten musste, ganz in seinem Rachen zu verschwinden. Also ich befürchtete das.
Aber das war noch nicht das größte Drama. Das wirkliche Trauma waren die Geräusche. Dieses Schmatzen und Knatschen, wenn sich angesaugte Lippen umeinanderschmiegten wie Nacktschnecken beim Liebestanz.
Eine Geräuschkulisse wie Versinken im Schlammloch.
Diese Geräusche, sie klingen dermaßen unerotisch und angeschleimt schmierig, nein, das ist mein Trigger, meine Retraumatisierung. Wenn ich das höre, dann ist es rum. Dann kann eine Filmszene noch so ergreifend und erotisch sein. Sobald ein Kussgeräusch zu hören ist, schüttelt es mich.
Bis vor ein paar Jahren hatte ich das fast vergessen, dass ich damit ein Problem habe. Ein Problem mit diesen Erinnerungsüberresten aus Pubertätszeiten. Ich hatte recht wenig Kontakt zu Kussszenen.

Aber dann kamen hier die ersten Freundinnen ins Haus und ich erlebte die Abschleckereien der nächsten Generation. Das hört sich heute nicht besser an als damals.
Wenn dann die Herrschaften mitunter in meinem Auto saßen und die kleine Schwester vorn sitzen durfte (ungewöhlich), meinten sie, an meiner Aufmerksamkeit vorbeiknutschen zu können.
ABER ICH HABE SIE GEHÖRT!
Ich habe versucht, wegzuhören und sie ihre heimlichen Küssereien haben zu lassen. Ich habe es versucht.
Aber es war mir nicht möglich, das zu ignorieren.
Und darum musste ich, zur Peinlichkeit aller, quer durch das Auto brüllen, sie sollten sofort aufhören, sich in meinem Auto abzulecken.
Sehr undezent.
Aber wie gesagt, ich ertrage diese schlabbernden Geräusche nicht.
Wenn die alle mal geräuschlos Küssen würden, dann wäre es besser. Dann fände ich Liebesszenen im Fernsehen auch nicht so schlimm.

(Und dieser kleine Nerd passt so herrlich ins Bild. Drüber singen geht, mehr nicht.)

Vielleicht habe ich kein Trauma. Vielleicht ist es auch eine Phobie? Wer weiß das schon so genau.