Und wer einen hat, einen Hund, der muss im Grunde gar nicht mehr weiter lesen. Der weiß haargenau, was nun kommt.

„Der Hund muss noch raus…“ wird in diesem leicht vorwurfsvollen Unterton ans Volk gebracht. Und das Volk hat sich eine Vielzahl an Entgegnungen angeeignet.

„Jaaaa, gleich.“ ist auf Platz eins der Reaktionen.
Wobei „Jaaaa, gleich.“ in der Regel keiner zeitlichen Begrenzung unterliegt. Das kann in zehn Minuten sein aber auch noch Stunden dauern. Gleich ist der Herrscher aller Dehnbegriffe.

„Und warum soll ich gehen? Warum nicht Killerdog/Fürst/Wolkenköpfchen/Gutfrisierter?“
Die Banane ist bekanntlich krumm, ob der Hund jetzt mit dem einen oder dem anderen draußen war. Dem Vierbeiner ist es letztlich scheißegal, wer ihm zu einem Spaziergang im Wald und damit zur Entleerung der körpereigenen Unrat-Sammelstellen verhilft. Und warum der eine dreimal hintereinander geht und der andere eine Woche nicht, da nach einem Warum zu fragen ist so überflüssig wie die Frage nach der Geometrie der gelben Frucht.

„Immer muss ich mit dem Hund raus!“
Stimmt. Immer. Und nur du. Du allein. Sonst niemand. Tag und Nacht, von morgens bis abends. Du. Du. Du. Ich gehe nie. Nein. Ich gehe niemals mit dem Hund raus, weil ja immer du gehst.
Ich möchte nicht unterschlagen, dass „Immer muss ich mit dem Hund raus!“ durchaus auch schon über meine Lippen kam, wenn ich Dienstag am frühen Morgen um sieben Uhr mit dem Hund durch den Wald stolpere. Und Mittwochs zur gleichen Zeit.
Aber ich darf das, denn: „Immer muss ich mit dem Hund raus!“

„Der muss nicht.“
Doch, der muss. Wenn der Hund leise jammernd vor der Haustür hockt und wartet, dann muss er. Dringend. Und wenn er das kurze Stück zum Wald so läuft wie ein Schulkind auf dem Weg nach Hause, das sich nicht getraut hat, auf das eklige Schulklo zu gehen, dann ist klar, der muss. Wenn er nach zwei Metern hinter dem Waldbeginn schon seinen Hintern in Positur wirft und sich mit dümmlichem Blick entleert, dann macht der das, weil er muss. Nicht weil er will. Denn der Hund kennt nicht den Spruch:
Wenn dich quält in deiner Brust
das starke Wort: Du musst,
dann denke bei dir still
das stolze Wort:
Ich will!
Kennt er nicht und selbst wenn man ihm das acht mal täglich vorsagt, bekommt es keine Bedeutung für ihn. Hol das Stöckchen schon eher.

„Der war doch schon.“
Ja, der war schon. Weil der Hund öfter als einmal alle achtundvierzig Stunden Begleitung auf seinem Weg in die Bäume braucht, ist „Der war schon.“ wirklich sehr relativ. Ich könnte auch „Du hast doch gerade gegessen.“ sagen, wenn mir nach fünf Tagen Lebensmittelpause vorgeworfen wird, der Kühlschrank sei leer, ich würde nicht einkaufen und man habe Hunger.
Der Hund muss mindestens dreimal täglich vors Loch. Mindestens. Morgens, mittags, abends. Und wenn er morgens um sieben draußen war, dann ist am Mittag die Deadline bei fünfzehn Uhr, sonst platzt dem was. Da war der Hund nämlich schon. Länger nicht.

„Ich hab gerade keine Zeit.“
Keine Zeit bedeutet, es gibt wichtigere Dinge als die Versorgung eines Lebewesens, welches elementare Bedürfnisse nicht selbst regulieren kann.
Zum Beispiel ist es wichtiger, an der Spielekonsole ein Fußballspiel zu vollenden. Oder selber kacken zu gehen. Oder Nachrichten zu schreiben. Oder Facebook endlich mal in Ruhe zu Ende lesen. Oder Fernseher zu glotzen. Oder sich am Arsch zu kratzen.
Oder zu lügen. „Ich mache Hausaufgaben.“ Ein Blick ins Zimmer zeigt, Hausaufgaben werden auf dem Bett liegend, bei angeschaltetem Fernsehgerät, aufgeklapptem Laptop und nachrichtendüdelndem Smartphone bei halb geschlossenen Augen gemacht, unter Zuhilfenahme von keinen Schulmaterialien. Denn die Schultasche liegt im Flur neben der Haustür.
Und manchmal dann auch draußen, vor der Tür.

„Ich hab keinen Bock!“
Was für ein aussagekräftiges Argument. Was für ein Statement.
Und hier gilt: Was muss, das muss.
Und wenn man muss, so als Mensch, einer Verpflichtung nachkommen muss, dann gilt hier in der Tat:
Wenn dich quält in deiner Brust
das starke Wort: Du musst,
dann denke bei dir still
das stolze Wort:
Ich will!
Und da man zwischen den Ohren ein Hirn hat, welches zwar in jungen Jahren tendenziell auch nur im Bereich der Bedürfnisbefriedigung tätig ist, das nichts desto trotz in der Lage ist, Worte zu verstehen und zu verarbeiten, bietet sich dieser Spruch zur direkten Erwiderung an.

„Mir tut der Kopf/Fuß/Arsch weh.“
Das ist kein Argument. Niemals. Denn in der Regel gilt, Bewegung macht alles besser und frische Waldluft hilft bei Schmerzen aller Art.

„Ich bin zu müde!“
Hier gilt das gleiche, frische Waldluft macht fit und frisch. Ein kleiner Gang ums Gebälk und schon ist die Müdigkeit verflogen.

„Ich bin gelähmt.“
Das ist eine Lüge. Ganz leicht zu überführende Lüge. „Ich hab das Eis im Auto liegen lassen…“ und schon laufen die kleinen Krautstampfer wieder. Oder „Da ist eine Spinne…“ oder „Ich finde den Fünfzig-Euro-Schein nicht, den muss ich im Auto verloren haben, wer ihn findet, bekommt Finderlohn…“

Es ist ein Kreuz. Ich hatte wirklich schon einmal die Toiletten im Haus verschlossen. Und als Bedarf nach der Räumlichkeit bestand, bin ich auf dem Sofa hocken geblieben. Habe den Schlüssel schön in meiner Hosentasche verwahrt und freundlich lächelnd gesagt, man könne sich ruhig noch etwas gedulden, bis ich fertig mit Sitzen sei. Das könne aber noch dauern, weil ich gerade erst mit dem Sitzen begonnen hätte und mir vorgenommen hätte, mindestens drei Stunden am Stück zu sitzen, weil es mir sehr wichtig sei, einmal mit aller Konzentration zu sitzen. Nicht halbherziges Sitzen mit ständigem Aufspringen, nein, ein kontinuierliches und wohlüberlegtes, ausdauerndes Sitzen mit allen Konsequenzen.
Und auf das Gejammer, der Besuch der Toilette sei nicht aufschiebbar, habe ich zur sofortigen Entleerung den Wald empfohlen. Und dass der Hund als Begleitung sicher sehr gern mitgehen werde. Dann könne man ja gemeinsam in den Wald scheißen.