Es ist kühl geworden. Der widerspenstige Sommer muss sich geschlagen geben.

Heute habe ich die Heizung angestellt. Das heiße Wasser gluckert durch die Rohre und die Geräusche sind herbstlich. Auf einmal werden Haare geföhnt und Schals aus dem Schrank geholt. Der erste Herbst ohne meinen Vater. Die ersten Geburtstage der Kinder ohne ihren Großvater. Wer isst jetzt all die Gummibärchen?
Das Wolkenköpfchen isst keine mehr, weil es auf die Tanzlinie achtet. Der Fürst isst keine mehr, weil er das nicht mit seinem Glauben vereinbaren kann. Der Gutfrisierte isst keine aus Prinzip und weil er sie nicht mag. Bleiben noch Killerdog und ich. Ich sollte keine essen, besser wäre das für die Gesundheit.
Killerdog, der würde sich opfern und alle Gummibärchen dieser Welt vertilgen, wenn der Auftrag an ihn herangetragen würde.
Soll ich denn jetzt überhaupt die Geburtstagsgummibärcheneskalationstradition weiterführen?
Letztes Jahr war alles, wie es immer war.
Holzschalen, gefüllt mit süßem Gummizeug, standen an den Geburtstagen im Oktober auf dem Esstisch in Erwartung der Naschmäuler, die an diesen Tagen stets hemmungslos wurden.
Und dann ging die Tür auf, mein Vater kam herein, wie in jedem Jahr, setzte sich an den Tisch, zog die Schalen zu sich, rührte mit dem Finger darin herum und naschte, naschte was das Zeug hielt, während seine Gattin die Stirn in tiefe Runzeln legte. Wenn er dann, nach ihrem gestrengen Lehrerinnnenblick die Schüsseln zur Seite schob und meinte, er dürfe nicht mehr, weil er ja zu dick werden würde, schob ich sie ihm wieder rüber und sagte:
„Hau rein, wer weiß, wann es die nächsten gibt.“
Er haute rein. Und nächste gibt es nun nicht mehr.

Wie wird es sein? Wie werden die Geburtstage sein, ohne ihn? Wie werden die Feste ohne ihn sein? Wie ist alles ohne ihn?

Ich habe keine Idee. Ich weiß es nicht. Alles anders machen? Oder doch ähnlich? Es gleich ganz bleiben lassen? Und am Horizont zieht Weihnachten auf. Schon immer ein gefährliches Terrain. Ein trauriges noch dazu.
Die Tage im September, diese sonnendurchwärmten, klaren, trockenen Tage, konnte ich noch tun, als würde der Sommer nie enden. Als würde es weitergehen mit der Helligkeit, dem Licht.
Aber heute morgen lässt sich die Tür nicht mehr verschlossen halten. Der Herbst tritt ein. Mit ihm die Gewissheit, die schwere Zeit ist nicht vorüber. Wir stehen mittendrin.