Ich hatte die ganze Nacht geflucht. Innerlich. Geschimpft, gebrüllt, getobt. Innerlich. Nach außen drang davon nichts. Kaum ein Ton kam über meine Lippen, als ich auf allen vieren über Krankenhausflure kroch, in dieser Nacht vor einundzwanzig Jahren. Warum hatte ich nur Blumenkohl gegessen, als ich am Abend noch bei den Eltern war? Hätte ich doch auf die leichte Übelkeit gehört und es einfach gelassen. Stattdessen kam dieser Blumenkohl ständig die Speiseröhre wieder hochgekrochen, ohne den letzten Sprung nach draußen zu wagen. Ich habe nicht mehr häufig Blumenkohl gegessen, in den vergangenen einundzwanzig Jahren.

Als der Morgen kam, das Licht wieder heller wurde, hieß es, sehr lange würde es nicht mehr dauern. Aber das habe ich gar nicht mehr so recht mitbekommen. Ich war in meinem Kopf damit beschäftigt, dass ich möglicherweise nicht überleben würde. Es kam mir vor wie ein Tanz auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Und ich habe hin und wieder gedacht, man solle mich doch bitte erlösen von diesem Elend.
Dann wurden Metelllöffel ausgepackt, jemand sagte, der muss jetzt da raus, ich wurde angebrüllt, ich solle drücken, aber wohin denn nur, ich spürte doch meine Beine nicht mehr, ein anderer legte sich quer über meinen Bauch und schob mit den Unterarmen und da schrie ich. Das erste Mal nach all den Stunden. Ich schrie so laut und heftig, wie ich nie zuvor geschrien habe.
Der Gutfrisierte stand neben mir und fing an zu weinen. Er flüsterte leise, er könne nicht mehr. Ganz leise. Aber es hörte sich an, als wären es die Trompeten von Jericho. Wenn er jetzt geht, wenn ich jetzt allein bleibe, dann sterbe ich, dachte ich noch. Es musste ein Ende haben. Jetzt sofort.
Ohne weitere Gedanken holte ich tief Luft, sammelte alles, was sich in diesem erschöpften Körper an Kraft noch finden ließ und mit dem zweiten Schrei, der in mir hallte, den ich in mir behielt und seine Kraft nahm und in den Bauch schickte, warf ich dieses Kind aus mir heraus. In einem Schwung.

Da lag er nun, dieses kleine mausgraue Wesen, blaue Hände, blaue Füße, faltig und erschöpft. Kein Ton kam aus ihm und ich dachte, er wäre tot. Dann öffnete sich der kleine Mund und ein leises Geräusch kam heraus. Zart. Sanft. Müde. Ich sollte seine Füße reiben, nicht so vorsichtig, kräftig über den Rücken streichen, seine Lebensgeister ein kleines bisschen ärgern, damit er zeigen konnte, ob er wirklich hier angekommen war. Ein Weinen ließ er sich nicht entlocken. Ein Jammern schon, aber er war viel zu beschäftigt damit, in dieser Welt zu landen. Alles andere hätte ihn zu viel Kraft gekostet.
In diesem Moment, als wir uns das erste Mal sahen, zog die tiefste Liebe meines Lebens in selbigem ein. Und die schlimmste Angst. Die glücklichsten Momente, die erschreckendsten, die berührendsten.
Es war einer der stolzesten Augenblicke meines Lebens.
Der neue Vater hielt uns in seinen Armen, während dicke Tränen aus seinen Augen fielen und wir waren zusammen geboren, eine Familie.

 

(Eine Umfrage aus Gründen, die ich zu einem späteren Zeitpunkt genauer erklären werde:

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Sechsundsechzig Prozent haben schon einmal bei einem Blogeintrag geweint.
Neun Prozent haben noch nie bei einem Blogeintrag geweint.
Dreizehn Prozent sind Heulsusen und weinen ständig.
Acht Prozent sind Chuck Norris. Oder Chackeline. Die haben keine Tränendrüsen.
Vier Prozent wollen Spaß.

So sieht es aus.