Ich hatte bereits zwei Jungs. Und wollte doch so gern ein auch ein Mädchen haben. Wegen der Ausgeglichenheit des Geschlechterverhältnisses. Eine Tochter. Das war mein Wunsch.
Dafür war ich bereit, ein drittes Mal eine Schwangerschaft durchzuexerzieren.
Als ich dann zum dritten Mal im Kreissaal stand, da ließ meine Begeisterung nach. Nein, sie ließ nicht einfach nur nach, ich würde sagen, sie verschwand vollkommen und ich stöhnte meiner Hebamme und Freundin und ins Ohr: „Wie bescheuert bin ich eigentlich?“
Sie nickte nur und lächelte, während sie mich zwang, Kniebeugen zu machen. Die Geburt vom Wolkenköpfchen war nämlich durchaus eine sportliche Herausforderung. Erst durfte ich noch gemütlich auf dem Bett rumlungern und mir Wasser anreichen lassen. Meine Gebärmutter hatte sich nur zur sporadischen Mitarbeit entschlossen. Ja, nein, hü, hott, sie wusste nicht recht, ob sie nun mithelfen sollte, das Blag herauszubefördern oder ob sie lieber entspannen würde.
Aber irgendwann kam sie in Gang und spielte mit. Das war nun noch nicht der Moment, in dem ich mich verfluchte. Da war eigentlich alles fein und ich schwamm auf der Welle des Selbstvertrauens. Eine Frau. Eine Drittgebährende. Ein erfahrener Körper. Alles kein Ding.
Irgendwann sagte meine Freundin und Hebamme: „Ich schau mal nach dem Muttermund. Irgendetwas gefällt mir nicht so richtig.“
Der Muttermund war auf sieben Zentimetern, was so schlecht nicht war. Aber sie war unruhig, meine Hebamme und Freundin.
„Ich glaube, ich steche die Fruchtblase an, okay?“
„Mach du nur…“
Netter Dialog mit Folgen. Sie stach, das Fruchtwasser lief ab und dann wollte ich, dass mich jemand erschießt. Oder narkotisiert. Oder betrunken macht mit gutem, altem Wild-West-Whiskey.
Stattdessen wurde ich aus dem Bett gezerrt, auf die Beine gestellt, und dann hieß es: Beweg dich!
Runter in die Knie, rauf in den Stand. Hintern lockern. Becken kreisen. In der Wehe wieder runter, dann wieder rauf, drei Schritte gehen.
Zack und zack und zack. Ich bekam Anweisungen, ich befolgte Anweisungen, aber ich tat das nicht ohne lauthals zu schreien. Ich dachte, jemand zertrümmert mir das Becken, inwendig.
„Sie tut mir so weh…“ schimpfte ich empört über das Kind, das ich zwar noch nie gesehen, aber schon so lange gespürt hatte. Dieses kleine Mädchen, das einfach nicht schnell wuchs, das immer so klein und zierlich rüberkam, dass ständig kontrolliert wurde, ob sie überhaupt größer wurde (weshalb ich wusste, dass es ein Mädchen werden würde).

Fünfzehn Minuten. Die körperlich erstaunlichsten und bis dato schlimmsten fünfzehn Minuten, die mir widerfahren waren.
„Auf den Hocker… gut… jetzt pressen… fester… gut…das war`s!“
Und dann waren die fünfzehn Minuten seit Blasenöffnung vorbei und ein kleines, zappeliges Wesen lag vor mir auf dem Boden. Die Nableschnur lustig um den Hals geknotet.
Meine Freundin und Hebamme stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Gut, dass das jetzt so schnell ging.“
Knappe drei Kilo Mensch waren es, ganz zart und weich.
„Kommt mir irgendwie bekannt vor…“, sagte meine Freundin, war sie doch auch schon dabei, als Killerdog das Licht der Welt erblickte.
Und es stimmte, das frisch geschlüpfte Wolkenköpfchen sah exakt so aus wie Killerdog. Nur ohne die Zornesfalte über der Nase und ein gutes Pfund leichter.

Ich nahm das kleine Mädchen auf den Arm und wusste gleich, wir sind verliebt. Ein gutes Team, wir beide. Hin und wieder ein bisschen zickig vielleicht. Beide. Aber immer und stets zutiefst verbunden in unserer Liebe zueinander.
Meine Tochter.
Sechzehn Jahre.
Sie ist gewachsen. Immer wieder einmal. Und zugenommen hat sie auch. Aber stets langsam und weniger als alle anderen. Ein zartes Wesen.
Die Vorstellung, dass sie ein Bier kaufen geht, ist völlig absurd. Selbst wenn sie ihren Ausweis zeigt, keiner wird ihr ein Bier geben, weil sie aussieht, als wäre sie…
Nun, sagen wir vierzehn. Sie hört es nicht gern, wenn man sagt, sie sieht aus wie elf. Auch wenn es der Realität entspricht. Sie ist ein Elfchen. Vielleicht bleibt sie das. Für immer.

Mein Elfchen bleibt sie auf jeden Fall.
Das tanzende Elfchen.