Ach, dachte ich heute Mittag, ach, du könntest mal neues Zeug holen. Buchstabenzeug. Ohrenzeug. Augenzeug. Und kaum hatte mein Hirn dies gedacht, saß ich auch schon im Auto und fuhr in Richtung der Bücherei in der wunderbaren Heimatstadt von Heidi Klum im Kaff nebenan.
Vorher hatte ich noch alles schon Gehörte und Gelesene zusammengesammelt und dem Hund Adieu gesagt.
Ich ließ Musik laufen, sang, wie immer im Auto, hemmungslos laut mit, ließ den Scheibenwischer leise im Intervall wischen und lauschte mit einem Ohr auf das Quietschen des Kupplungspedals und mit dem anderen auf das Röhren des Auspuffs.
Kurz, ich war maximal entspannt, als ich durch das Kaff vor dem Kaff fuhr. Und an der Stelle im Kaff vorm Kaff, wo die öffentlichen Verkehrsmittel Fahrt aufnehmen in Richtung der großen Stadt, der Metropole des Rheinlands, der Hauptstadt des Frohsinns, da sah ich es. Da sah ich IHN!

Den Clown.

Keinen Horrorclown. Keinen Terrorclown. Schlimmer.
Den Lappenclown.

Wer schon etwas länger mit mir zu tun hat, der weiß, ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu ihnen, den Lappenclowns. Sie erfüllen mich mit Angst und Schrecken. Diese Lappen, das geschminkte Gesicht, ich finde das furchteinflößend.

Der Lappenclown rannte bei Rot über die Ampel, offensichtlich beflügelt von der gleich abfahrenden Straßenbahn in Richtung Lustigkeit. Und war nahe dran, meinem Auto zum Opfer zu fallen. In den folgenden zehn Minuten fühlte ich mich traumatisiert, um wieder zu mir zu kommen, musste ich leise ein grottentrauriges Lied pfeifen.

Erst dann fiel mir ein, dass heute der Elfte im Elften ist. Nicht nur der hillije Sinte Mähtes heilige Sankt Martin hat heute seinen Ehrentag, nein. Auch der Karneval läuft sich ab heute wieder warm.
Darauf ein Pufftäh.

Der Gutfrisierte kam am Abend nach Hause und ich berichtete vom Lappenclown, woraufhin er die Augen verdrehte und den Kopf schüttelte.
„Einen? Einen Clown? Hast du es gut. Ich habe sie heute dutzendweise gesehen. An jeder Ecke lungern die rum.“
Der Gutfrisierte arbeitet in der Hochburg des bunten Treibens. Und er fährt jeden Morgen mit der Bahn dort hin.
„Heute Morgen um acht Uhr in der Bahn, da saßen sie schon und soffen Appelkorn und Bier. Egal ob vierzehn oder vierundsechzig, die knallen sich die Mütze zu und dann landen sie in der Ambulanz  und kotzen. Oder schlafen. Und das geht schwallweise bis Aschermittwoch.“
Da möchte er auch kotzen, wenn er nur daran denkt.
Aber es sind nicht nur Lappenclowns. Es sind Äbte, Knastbrüder, Polizisten, Kätzchen, Kühe, Elefanten, Stubenmädchen, Dandys, Bayern, Hasen oder Gestreifte. Und für den Gutfrisierten sind sie alle furchterregend.
Nicht so sehr als Menschen, aber als Karnevalisten. bild-069

Um mich zu beruhigen und die Problematik des aufkeimenden Karnevals, der fünften Jahreszeit, des saufseeligen Beisammenseins verkraften zu können und das erhöhte Lappenclownaufkommen zu überstehen, mache ich jetzt Meditationsübungen.
Ich schaue mir die Bilder von den Tapeten im Haus vor der Sanierung vor zwölf Jahren an. Das hilft.