Der Käse war weg. Ich habe den ganzen Kühlschrank nach dem Käse abgesucht. Ein cremiger, etwas kräftigerer Käse, der sehr gut schmeckt auf einer Scheibe Vollkornbrot.
Den ganzen Nachmittag hatte ich den Käse schon in der Planung.
Mit dem Vollkornbrot. Das Vollkornbrot ist auch da. Der Käse jedoch ist weg. Selbst im hintersten Winkel des Kühlschranks habe ich gesucht, sogar den abgelaufenen Blaubeerjoghurt schob ich todesmutig zur Seite.
Und was bedeutet das? Dass ich den Käse nicht gefunden habe? Es bedeutet, der Käse ist weg. Wirklich weg. Auf Nimmerwiedersehen weg.
Vermutlich gegessen von einem Kerl. Außer mir sind hier nämlich nur Kerle. Außer am Wochenende, aber Wochenende ist heute nicht und am Wochenende war der Käse auch noch da. Ein Kerl hat also den Käse weggegessen und das Vollkornbrot nicht.

Das hat mich ein wenig zerrüttet, aber ich konnte noch damit umgehen. Ich nahm einfach einen anderen Käse. Und eine Scheibe Salami. Und herrlich eingelegte Zucchini aus einem Garten im wilden Osten. Damit beruhigte ich mein Gemüt und alles erschien mir gut.
Der weitere Plan sah ein Töpfen Pudding vor, mit etwas Obst. Banane, Kaki, Trauben, darüber Vanillepudding.
Nach dem Vollkornbrot mit egal welchem Belag und den wunderbaren Zucchini.

Ich suchte. Suchte, suchte, suchte. Ich hatte ihn versteckt, ganz hinten in der Gemüseschublade des Kühlschranks, unter dem Salat, hatte ihn in Sicherheit gebracht vor den gierigen und klebrigen Fingern der Kerle.
Aber er war nicht mehr da. Und auch im restlichen Kühlschrank nicht.
Er war weg. Wie der Käse.

Und da musste ich einfach vor dem geöffneten Kühlschrank sitzen und weinen.
Ich war vollkommen am Boden zerstört.
Ich weinte über alles. Über Amerika, über Polen, Syrien, über kranke und sterbende Kinder, über gestorbene Väter, über drohendes und eingebildetes Unheil, ich weinte und weinte, weil mein Pudding weg war und ich allein dort saß und verlassen war.

Meine Nerven sind schwach. Sie sind zerrüttet.
Ich heule einem Pudding hinterher, weil ich mir seinen Geschmack schon eingebildet hatte, ihn auf der Zunge spürte und dann doch allein mit dem Scheißobst in der Schüssel in der Küche hockte und weit und breit kein Pudding mehr zu finden war.

Den abgelaufenen Joghurt wollte ich nicht.
Aber ich habe niemanden geschlagen, niemanden angeschrien, niemanden zur Rechenschaft gezogen. Ich habe nicht einmal gefragt, wohin mein Pudding verschwunden ist und wer an diesem Verschwinden beteiligt war.
Und warum habe ich völlig resigniert Abschied genommen von diesem Pudding, der einfach weg war?
Hätte ich gefragt, wer sich den Pudding genommen hat und wer den Käse, hätte ich doch nur wieder die Antwort gehört. Diese Antwort. Ihr kennt sie. Die Antwort, die jeder Verbrecher erst einmal von sich gibt, selbst wenn er überführt ist. Mit der Hand im Honigtopf erwischt wurde. Die Banknoten noch aus den Hosentaschen quellen.
Und diese Scheißantwort möchte ich nicht mehr hören.
Denn sie zerrüttet meine schwachen Nerven nur noch mehr.

ICH WAR`S NICHT!!

Schon klar.
Ich auch nicht.