Die Nachbarin läuft wieder im Trägerhemdchen durch ihre Küche. Sie hat schon die Weihnachtsdekoration herausgeholt und im Fenster hängen Kugeln, Sterne, die geballte Heiligkeit. Das scheint ein wärmende Tätigkeit zu sein. Möglicherweise hat sie aber auch die Wohnung auf fünfundzwanzig Grad hochgeheizt. Wer weiß das schon. Ich war noch nie bei ihr in der Küche. Ich sehe sie nur durch das Fenster oder auf der Straße.
Ein Haus weiter leuchtet der Garten, als wäre das Christkind schon für morgen angekündigt. Ich warte auf den Kunstschnee. Echten wird es wohl nicht geben, bei dreizehn Grad hat er keine Überlebenschance.
Auf der anderen Straßenseite wird zu Weihnachten auf ein weiteres Jahr gehofft. Noch weitere gemeinsame Weihnachtsfeste. Darauf, dass das Leben nicht einfach Schluss macht und einen Fünfundachtzigjährigen als Witwer sitzen lässt.
Direkt Wand an Wand wird ähnliches gehofft. Wobei dort ein junger Bursche plötzlich ohne Mutter dastehen würde.

Die Vorbereitungen für das Ende des Jahres laufen. Es hagelt Plätzchenforderungen, Forderungen zu Basareinsätzen, erste Weihnachtslieder schleichen sich an und springen in Ohren, um sich dort festzubeißen und als Ohrwurm zu verweilen.
Es sind noch zweiundvierzig Tage, dann hat dieses Jahr ein Ende.
Genau der richtige Zeitpunkt also, es sich einmal anzuschauen.

Und in wüste Beschimpfungen auszubrechen.
Zweitausendsechzehn, du bist ein verdammtes, blödes, elendes Arschloch.

Das ist natürlich völliger Unfug. Die willkürliche Einteilung der Zeit in Stunden, Tage, Monate, Jahre und Jahrhunderte hat nichts zu tun, mit den Dingen, die einen treffen. Das Jahr kann überhaupt nichts dafür. Aber selbst die Queen hat einmal ein Jahr als horribile beschrieben.
Und wen kann man denn sonst beschimpfen, wenn man ein dermaßen verkacktes Jahr durchleben musste?
Gott?
Ja, natürlich. Warum nicht. Mindestens genau so sinnvoll wie eine Schimpfkanonade gegen das Jahr. Denn auch hier gilt, es handelt sich um eine Erfindung des Menschen.
Die große Erkenntnis des Jahres (wobei, so neu ist sie doch nicht) für mich ist nämlich, dass es Gott nicht gibt.
Kein Leben nach dem Tod. Es gibt keinen Ort, den man nach dem Ende aufsucht. Kein Wolkenhocken und keine Harfe, kein Engel, kein Teufel. Vorbei ist vorbei.
Ich hatte es schon oft überdacht, war ich doch nie ein gottgläubiger Mensch.
Ich denke, dass der Glaube nur eine Bewältigungsstrategie ist, um mit den eigenen Ängsten zurecht zu kommen.
Was soll das Leben, wenn es reduziert ist, auf die kurze Spanne meiner Existenz? Was bin ich denn, wenn ich mir die Unendlichkeit des Universums vorstelle?
Was wird von mir bleiben? Nichts. Wer wird bei mir sein? Niemand. Was wird mir geschehen? Wie wird es weiter gehen?
Keine Antwort. Jetzt nicht. Vor fünfundzwanzig Jahren nicht. Vor vierunddreißig Jahren nicht.
Keiner meiner Toten hat mir eine Frage beantworten können. Und es sind viele.
Wenn ich sterbe, kennt niemand mehr meine Urgroßeltern. Ihr Leben wird verschwinden. Niemand wird mehr wissen, dass die Ururgroßmutter auf dem Feld vom Blitz erschlagen wurde, der Urgroßvater Arzt war in einem Haus, dessen Zimmer ich alle noch kenne. Das Haus wird vielleicht noch stehen, aber wie die Zimmer aussahen, das wird niemand mehr wissen.
Es wird verschwinden.
Wie erleichternd wirkt doch der Gedanke an das ewigen Leben. An weitere Leben. Vergangene Leben. Denn dem Vergehen des Lebens in das Gesicht zu schauen und nicht zu verzweifeln, nicht vor Angst bewegungslos zu werden, das ist ganz großes Kino. Das ist die Herausforderung.
Darüber nicht im Ende zu versinken, sondern den Arsch trotzdem immer und immer wieder hochzukriegen, trotzdem jeden Tag aufzustehen, die Zähne zu putzen, Schuhe an die Füße zu schnüren und loszugehen.
Dabei zu wissen, es wird enden. Es wird aufhören. Für jeden.
Und auch für mich.
Ohne göttliche Lüge, ohne kirchliche Lüge, einfach nur das Mensch sein.
Anfang und Ende. Wie ein Jahr. Es beginnt. Es endet.
Und dazwischen wird gelebt, die Weihnachtsdeko aufgehängt und hin und wieder nachgedacht.