Da stand sie auf der Straße und wartete auf das Taxi. Ich hatte sie schon einige Zeit nicht mehr gesehen, hatte mich aber nicht gefragt, wo sie sein könnte. Es war mir nicht aufgefallen, erst als sie wartend mit ihrer Tasche in der einen Hand und der Zigarette in der anderen vor dem Haus, in dem sie unter dem Dach wohnte, stand.
Ich grüßte sie freundlich, wir tauschten noch ein paar Worte über die Temperatur der Luft aus, ihr Taxi kam und ich ging die paar Schritte weiter bis zu unserer Tür.
Und dachte: Na, du könntest auch tot in deiner Wohnung liegen und keiner würde es merken.

Böse Gerüchte konnte man über sie hören, wenn man das wollte. Die Rede war von Alkohol, von Prostitution, von gescheitertem Leben. Die Gerüchte rollten die Straße hinauf und herunter, hielten vor den gepflegten Vorgärten, hockten sich in die ordentlichen Beete und spuckten dort ihr Gift. Und die ordentlichen Menschen dahinter sammelten das Gift begierig auf und hegten und pflegten und fütterten es.
Ob irgendetwas davon wahr ist? Wer weiß das schon.

Vielleicht war sie schon über sechzig, vielleicht auch schon weit darüber. Aber von hinten sah sie aus, als wäre sie vierzig. Das blonde lange Haar fiel ihr auf den Rücken in sanften Wellen. Sie war schlank, groß gewachsen, gerader Rücken. Und sie trug gern Stiefel und Jeans. Möglich, dass sie eine wilde Hummel war, wer weiß das schon.
Von vorn waren die Jahre in ihrem Gesicht. Stets kräftig geschminkt sah man doch die Falten. Die müden Augen hinter der großen Brille und das leichte Schielen. Sie sah immer aus, als wäre sie ein klein wenig verwirrt und wüsste nicht, wie sie hergeraten sei.
Immer war sie allein, stand allein und wartete auf das Taxi, das sie irgendwohin brachte. Zum Einkaufen? Zu einem Freund? Einer Freundin? Familie?
Kam sie zurück, war sie allein. Kam von irgendwoher. Manchmal hatte sie Tüten dabei, in jeder Hand zwei pralle Plastiktüten. Manchmal hatte sie die Hände frei und brauchte sie, um sich an der Straßenlaterne, dem Gartentor und der Haustür festzuhalten, weil sie in Kurven lief.

Ging man an ihr vorbei, schaute sie in die Ferne, wirkte unnahbar. Es schien, sie wollte nicht sprechen, alles an ihr rief: Geh weiter! Sprich mich nicht an.
Ein Hallo und ein Lächeln in ihre Richtung veränderte alles.
Ihr Gesicht wurde weich und unsicher. Meinst du mich? schien es zu fragen. Wirklich? Und mit einem leichten Nicken konnte man die ungestellte Frage beantworten. Dann lächelte sie, ein kleines bisschen nur. Und grüßte zurück. War verwirrt, dass sie gemeint war, konnte es nicht recht glauben. All zu häufig wurde sie nicht gegrüßt auf dieser ordentlichen Straße, wo die sauberen Menschen ihre sauberen Gärten putzen.

Gestern dann war das Großaufgebot auf der Straße. Feuerwehr, Polizei, Rettungswagen, Notarzt, alle waren da. Und ich stand am Fenster und erschrak, denn so ein Aufgebot bedeutet Unglück. Der Notarzt fuhr nach kurzer Zeit wieder und die Rettungswagenfahrer standen rauchend neben ihrem Wagen.
Ich hoffte noch, dass da jemand im Haus nebenan viel Glück gehabt haben könnte.

Sie war tagelang nicht gesehen worden, im Haus. Erst haben die Nachbarn sich nichts gedacht. Möglich, man hat sich zu unterschiedlichen Zeiten bewegt. Möglich, sie hat eine kleine Reise unternommen. Unwahrscheinlich, aber möglich. Nach zwei Wochen hat dann ein guter Mann bei dem Taxifahrer angerufen und gefragt, ob er sie gesehen habe. Nein, habe er nicht, seit zwei Wochen schon. Der gute Mann hat bei ihr geklingelt, geklopft, gerufen, aber da war nichts.
Darum rief er die Polizei.

Zwei Wochen lag sie in ihrer Wohnung. Zwei Wochen hat es gedauert, bis jemand sie so vermisste, dass er sich auf die Suche nach ihr machte.
Und sie hat sich einsortiert in die Reihe der Toten diesen Jahres.
Und ich möchte ihr ein paar Worte sagen. Zu spät, vielleicht.

Hallo fremde Frau,

wir kannten uns nicht, obwohl wir nur fünfzig Meter von einander entfernt wohnten. Ich weiß nicht, wer Sie waren und was Sie machten. Was Sie liebten, wen Sie liebten, was und wen Sie hassten.
Ich weiß, Sie mochten Stiefel, Sie mochten Zigaretten, Sie mochten Ihr Haar.
Wir haben uns nur kurz, im Vorbeigehen, mit den Augen berührt und mit kurzen Grußworten, ein Nicken der Köpfe und ein Lächeln, welches nicht nur auf den Lippen war. Hätten mehr Worte Sie gefreut? Oder war es nicht wichtig?
Jetzt sind Sie gestorben, zuhause in Ihrer Wohnung, allein. Ich hoffe, es war in Ihrem Sinne. Und dass es ein Sterben war, mit dem Sie nicht zu hart ringen mussten.
Ich schicke meine Worte ins Irgendwo, mag sein, Sie sind dort mit den anderen als Irgendwas. Kann sein, das ist egal und die Worte verhallen.
Dann habe ich sie für mich gesagt.
Sie sind einen Schritt weiter als die, die noch immer in dieser Straße wohnen. Ihre Vorgärten sauber und ordentlich halten. Oder auch nicht.

Adieu, fremde Frau.