Früher, als die Kinder noch klein waren, da habe ich ihnen in der Vorweihnachtszeit jeden Abend nach dem Abendessen eine kleine Geschichte vorgelesen. Wir haben die Kerzen des Adventskranzes angezündet und Mandarinen geschält und gegessen und ich las etwas vor vom Christkind, von Maria und Josef, von Tomte und dem Fuchs, von Petters und Lottas Weihnachten.
Daran musste ich vorhin denken. Vielleicht ein klein wenig wehmütig. Mein Blick verklärte sich und ich schaute zurück in die Jahre, als wir noch jeden Abend gemeinsam aßen, alle zusammen. Das Wolkenköpfchen, Killerdog, der Fürst, der Gutfrisierte und ich. Die Küche in warmes Kerzenlicht getaucht, am Tisch gemeinsam das ein oder andere Weihnachtslied singend, war es der Inbegriff der Gemütlichkeit.
Mit einem Seufzen gab ich mich dieser Erinnerung hin.

Und dann fiel mir ein, wie schön es war, wenn man noch nicht den letzten Bissen der Mahlzeit geschluckt hatte und sofort ein dreistimmiges Geschrei erklang:
„Ich darf heute…“
„Nein, du warst gestern, ich darf…“
„Gar nicht, ich bin dran…“
„Du warst schon, ich war erst viel weniger als du…“
„Du warst aber immer am öftesten…“
Da steckte einem die Nudel noch halb im Mund und halb im Hals, das Gezänk darum, wer sich dem Adventskalender wie nähern durfte, ging vor dem finalen Schlucken los.

Jeden Abend, vierundzwanzig Mal, war der Kampf der Giganten entbrannt und ein Hauen und Stechen begann. Alle Versuche, eine vernünftige Regelung im Umgang mit dem Kalender zu finden, waren mehr als schwierig. Denn was gestern noch in Ordnung war, wurde am nächsten Tag in Frage gestellt, weil man dann nicht mehr aussuchen durfte, welches Säckchen geöffnet werden sollte, sondern der Nächste an der Reihe war. Und das musste alles aufs neue ausdiskutiert werden.
Es gab nämlich vierundzwanzig Säckchen. Dunkelblau und sehr robust wurden sie von mir stets am dreißigsten November hektisch mit Süßwaren befüllt. Jeweils drei gleiche Sachen kamen in ein Säckchen und jeder durfte acht Mal entscheiden, welches Säckchen genommen werden sollte. Gut, am vierundzwanzigsten war es nicht mehr so variantenreich, aber dafür hatte man die große Ehre, am heiligen Abend das letzte Säckchen abzuschneiden.
Ich war sehr oft sehr genervt von diesem Plärrritual an jedem Dezemberabend. Mir war zwar bewusst, dass die Kinder es genossen, allein mir war es wirklich zu viel. Um es abzustellen überlegte ich allerhand, von wüsten Drohungen die Zukunft betreffend: „Es gibt nie mehr einen Adventskalender!“ bis hin zu Drohungen in der Gegenwart: „Ich schmeiß das Ding gleich in die Tonne!“.
Diese Drohungen wurden für dreiundvierzig Sekunden ernst genommen, kurze Ruhe herrschte, aber dann ging es gleich wieder rund. Sie wollten es so.
Unvergessen bleibt der Abend, an dem der Fürst die schwerste aller Adventkalendersünden beging, er betastete die Säckchen. Unter anderem eines, das Killerdog schon zum Ziel seiner Begierde erklärt hatte.
„Lass deine Finger von meinem Sack!“ brüllte Killerdog quer durch die Küche.

Doch, die Vorweihnachtszeit war früher immer eine richtige Scheißzeit.
Das hatte ich vollkommen vergessen, wenn ich mich jetzt aber zurückbesinne, dann fällt mir all das Theater wieder ein. Zank, Streit, hysterische Anfälle, es war ein Dauerfeuer in dieser Zeit, die doch so friedlich sein sollte. Die Kinder haben sich bekämpft bis aufs Messer. Und ich stand fassungslos daneben, wie eine Mutter aus einem Loriot-Sketch. „Kinder, aber Kinder, nun hört doch mal auf. Es ist doch bald Weihnachten. Das Fest der Liebe. Da wollen wir doch alle ganz freundlich sein miteinander.“
Und keiner hörte mir zu. Sie keiften weiter, pitschten sich hinterrücks in die kleinen Ärsche und zoppelten sich an den Haaren. Und gingen sich gegenseitig an die Säcke.

Wie merkwürdig, dass sich das aus meiner Erinnerung geschlichen hat. Und wie erheiternd und erhellend, dass sich die Erinnerung zum Glück durch die Hintertür wieder hereingeschlichen hat.
Und mir die Erkenntnis bringt, ich erinnere mich gern an diese Zeit. Aber zurückhaben möchte ich sie auf gar keinen Fall.
Es war nämlich mitnichten alles besser, damals.