Eigentlich ist es nahezu ungehörig.
Ich liege am hellichten Tage im Bett. Draußen ist kein schlechtes Wetter, mit dem ich mich entschuldigen könnte. Ich sehe blaue Himmelsflecken, ein paar Strahlen Sonnenlicht, hin und wieder Bewegung in der abgeblühten Hortensie.
Auch ist nicht alles erledigt, was zu erledigen wäre.
Einkaufen könnte man, Lebensmittel, Weihnachtsutensilien, eine neue Lesebrille.
Putzen könnte man, die Böden wischen, die davon zeugen, dass sich ein Hund im Haus befindet. Das Bad, das davon zeugt, dass sich Leute Zähne putzen.
Sport könnte man, könnte man auch lassen, obwohl doch klar ist, es müsste sein, um den Körper da zu halten, wo er ist.

Allein, ich liege hier, mit einem Buch vor der Nase und dem Computer an der Seite und dem Smartphone. Und habe keine Lust.
Ich bin so viele Jahre aufgestanden und habe mich gekümmert. Um dies und um das. Um alles. Und jetzt habe ich einfach keine Lust mehr. Jetzt bleibe ich liegen.
Einfach so.
Lese, döse, warte, wann ich doch aufstehen muss, um mir etwas zu essen zu holen oder zu trinken, die Toilette aufzusuchen. Dabei höre ich ein bisschen Musik. Meine Musik, nicht diese Musik vom Gutfrisierten, die mitunter einem Anschlag auf meine empfindlichen Nerven gleichkommt.
Sanfte Töne lasse ich meinen Nerven schmeicheln.

Hin und wieder geht die Schlafzimmertür auf und herein kommt der Musikfaschist und macht ein bisschen Wind um mich herum.
Versorgt mich mit Heiterkeit, wenn er sucht. Er leidet nämlich an einer paranoiden Wahnvorstellung. Er glaubt, jemand würde seine Kleidung verstecken.
Erst vor wenigen Tagen wühlte er in seiner Schrankhälfte herum und schnaufte lauthals. Ihm war ein langärmeliges Shirt abhanden gekommen und es musste im Schrank sein. Es musste. Es konnte nicht in der Waschküche auf der Leine hängen, da hatte er geschaut. Es konnte auch nicht dort sein, weil er es ja nicht in die Wäsche getan hatte. Er hatte es in den Schrank gelegt. Mit absoluter Sicherheit. Meinem Hinweis, im Trockner sei auch noch Wäsche, wollte er auf keinen Fall nachgehen, denn wie gesagt, das Shirt konnte nur im Schrank sein. Aber dann schaute er doch in den Trockner. Und selbstverständlich war es dort, das Shirt.
Bevor er sich dazu durchgerungen hat, sonderte er aber noch allerhand Verschwörungstheorien ab, wer jetzt an seinen Schrank gegangen und ihm seine Kleidung gestohlen haben könnte.
Ganz ehrlich, ich kann es nicht sein, weil es von der Größe nicht ganz passt und hier muss keiner glauben, ich würde in seinen Sachen versinken.
Und die Burschen würden die Sachen ihres Vaters möglicherweise dann tragen, wenn all ihre eigenen Klamotten durch einen Zauberspruch verschwunden wären.
Ansonsten lieber nicht.
Und so stand er vor wenigen Sekunden wieder vor dem Schrank und schnaubte. Wühlte. Und ich lachte. Ich konnte nicht anders. Ich musste erst leise kichern und dann lauthals lachen. Und ja, ich gestehe, ich lachte nicht mit ihm. Ich lachte  über ihn. Und noch lauter, als er den Pullover gefunden hatte und doch niemand für das Verschwinden des dunkleblauen Dings verantwortlich gemacht werden konnte.
Dann sagte ich ihm, dass ich ihn ziemlich gut leiden könnte.

Jetzt dreht sich die Luft noch ein bisschen weiter, nachdem er das Schlafzimmer wieder verlassen hat.
Und ich bleibe liegen.
Lasse meine Gedanken fliegen. Hier und dort hin. Gedanken von verschwundenen Schlafanzughosen, die nie wieder auftauchten hin zu vergangenen Katastrophen. Weiter mit den drohenden Katastrophen, den eingebildeten und den realen.
Zu den anstehenden guten Ereignissen. Hin zu den Wünschen. Meinen Wünschen. Zu meinen Träumen. Zu dem, was ich mir zu Weihnachten wünsche und was man nicht kaufen kann.
Zwischenzeitlich grätscht mir mein Körper in meine Träume und Dösereien und beendet die Selbsthypnose.
Aber dann gehe ich wieder fliegen. Denke mich in eine Zukunft, die so ist, wie ich sie mir wünsche. Eine Zukunft, in der ich …