Das Loch für den Scheiß diesen Jahres nimmt epische Ausmaße an (ebenso wie meine Neigung zum Gebrauch von Kraftausdrücken; ich verliere schnell die Contenance und beschimpfe andere Autofahrer für langsamens um die Kurve schleichen als Kamel, Gurke und Heini).
Ich bin unsagbar müde.
Meine Schwester sagt, alles wird wieder besser, wenn Weihnachten erst einmal vorbei ist. Wegen meines Weihnachtstraumas. Oder vielmehr unseres Traumas. Ich teile gern.
War mir entfallen, dass ich Weihnachten ja grundsätzlich neben mir stehe. Aber jetzt habe ich es wieder auf dem Schirm.

Vor zwei Tagen traf ich im hiesigen Gemischtwarenbaumarkt mit Hobbyabteilung eine Frau, wir hatten uns schon lange nicht gesehen.
„Hallo Frau Lavendel, wie haben uns ja ewig nicht gesehen, wie geht es dir denn?“
„Hallo Frau Mutig! Gut, danke, gut. Und wie geht es dir?“
„Ja, doch, gut.“
Eine Pause entstand, wir schauten uns an. Und ich dachte, na, du siehst nicht nach gut aus. Und ich vermute, sie dachte ähnliches.
„Also…“, sagte sie und dann „… nicht wirklich. Es geht mir schlecht. Total mies. Richtig grottig. Mein Mann hatte doch vor vier Jahren Krebs. Dann war es erst gut und jetzt hat er Metastasen in der ganzen Lunge und ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht. Und bei dir?“
„Ich habe unsere Opas in diesem Jahr beide unter die Erde gebracht. Krebs. Und überhaupt haben alle überall Krebs und Krankheit drumherum. Und nein, es geht mir auch nicht wirklich gut.“
Wir schauten uns noch ein bisschen an, nickten, waren für einen Moment im vollkommenen Einklang.
Dann nahmen wir uns gegenseitig in den Arm, wünschten uns wirklich und wahrhaftig alles Gute und einen großen Beutel voll Glück und gingen dann unserer Wege.

Nur zwei Stunden später ging ich durch den Wald und traf eine kleine Frau mit großem Hund. Mein Hund und ihr Hund fingen eine Spielrunde an und so entschied sie sich, ein Stück mit mir zu laufen. Ich fragte sie, wie es ihr gehe.
„Gut.“ Pause. Tiefes Atmen.
„Nicht. Nicht gut. Es ist schlimm.“
Pause, weitere Atemzüge.
„Also, mein Mann hatte im Sommer eine Whipple-OP weil er ein Gallengangkarzinom hatte und nun ist irgendwas in seinem Bauch und wir wissen noch nicht genau, was es ist. Aber es geht ihm schlecht, er wird jeden Tag ein bisschen schwächer und wir warten auf den Anruf des Arztes, auch wegen der Chemo, ob sie anschlägt und ich kann so viele Dinge nicht. Am Computer, das kann ich alles nicht. Mit der Bank. Die Steuer. Ich habe mich immer um den Garten gekümmert. Das Haus. Den Hund. Und wir hatten uns beide. Sonst eigentlich nichts. Da ist kein Netz, das mich auffängt.
Ich weiß nicht, wie das wird.“
Wir gehen nebeneinander her und ich sage ihr, dass das ziemlich beschissen ist, das Leben. Und ich ihr einen großen Beutel voll Glück wünsche. Und bin erleichtert, dass ich ein Netz habe.

Und dann schleichen sich doch wieder die Nachrichten herein, obwohl ich in diesem Jahr von keinen Anschlägen mehr lesen wollte, weder in Istanbul noch Kabul, weder
Tel Aviv noch Berlin, sind sie doch in meinem Kopf gelandet und ich sitze da, schüttle meinen Kopf und schaffe es einfach nicht mehr, mich darüber aufzuregen.
Sitze einfach da, völlig resigniert und zweifele an den Menschen.

Wie groß muss denn dieses Loch sein, in dem man den Scheiß des Jahres verbuddeln kann? Da reicht doch mein Garten überhaupt nicht mehr aus.

Bald denki, ’s isch e bösi Zit,
und weger’s End isch nümme wit;
bald denki wider: loß es goh,
wenn’s gnueg isch, wird’s scho anderst cho.
Doch wenni näumen ane gang
und ’s tönt mer Lied und Vogelsang,
so meini fast, i hör e Stimm:
»Bis zfriede! ’s isch jo nit so schlimm.«

(Johann Peter Hebel)