Drei abgekaute Fingernägel und einen Anfall von Klaustrophobie später war die schwiegerfamiliäre Aktion abgehandelt.
Und heute, einen Tag danach, schaue ich noch immer mit einem gewissen Kopfschütteln auf diese Szenerie. Ich werde auf jeden Fall bei der nächsten Veranstaltung wieder auf meine früheren asozialen Verhaltensweisen zurückkommen und Veranstaltungen diesen Formats einfach fernbleiben. Man muss da ja nicht hin.
„Bitte, bitte, bitte, komm doch mit…“ ist der Satz, den man überhören muss und schon ist alles gut.

Sechzehn Personen und ein kleiner Hund in einem Wohnzimmer, welches nicht die Ausmaße einer Feierhalle hat, das macht mürbe. Und müde. Denn der Sauerstoff ist zügig veratmet und man weiß genau, jeder Kubikmilliliter Luft hat sich schon mindestens einmal in einem anderen Menschen befunden. Es ist, wie gemeinsam unter einer Decke zu liegen, mit der Decke über dem Kopf. Nur schlimmer.
Sechzehn Menschen also, von dreiundsiebzig Jahren bis zu einem Monat waren alle Altersgruppen vertreten.
Und die Stimmung war, wie sie immer ist, dort.
Manchmal frage ich mich, ob die gegenseitige Zuneigung sich durch Schweigen ausdrückt. Das Wolkenköpfchen saß neben mir, ihre Brüder hatten die Anwesenheit verweigert, aber sie war tapfer mitgekommen. In ihr Gesicht hatte sie ein Lächeln eingemeißelt. Ganz klassische Ballerina, selbst wenn die Füße bluten wird freundlich und ambitioniert aus der Wäsche geguckt. Ein Maß an absoluter Selbstdisziplin und Kontrolle, das mir manchmal fehlt. Öfter. Ich schloss zwischendurch die Augen, damit keiner auf die Idee kommen sollte, ich hätte einen epileptischen Anfall, der sich in Augenrollen äußern würde.
Das Wolkenköpfchen saß also da, lächelnd, freundlich, ich saß daneben, nicht ganz so überzeugend wie sie, da zischt sie mir aus dem Mundwinkel direkt in mein Ohr hinein: „Ganz schön angespannte Stimmung…“
Ich zischte zurück:
„Wie immer halt…“
Man stelle sich nämlich vor, dass in dieser illustren Familienrunde alle in regelmäßigen Abständen schwiegen. Dann sagte niemand ein Wort. Zum Glück düdelte das Radio vor sich hin. Selbst die Babys waren ruhig und der Hund bellte nicht.
Und ja, das wirkte irgendwie angespannt. Die Eltern der Freundin meines Schwagers saßen auf Stühlen und schauten vor sich hin und redeten in der Zeit, in der ich dort war, keine fünf Sätze. Sie schauten nur. Wie auf der Beerdigung meines Schwiegervaters. Vielleicht macht es ihnen ja nichts aus, schweigend da zu sitzen. Aber in mir keimte der Verdacht, sie fanden es langweilig. Und blöd. Bei beiden Gelegenheiten.
Es gab feinen Kuchen. Frisch aufgetaut und aus der Verpackung geholt. Weil meine Schwiegermutter keine Arbeit haben wollte. Schon in Ordnung. Man muss den Kuchen ja nicht essen, gab eh so viele Süßspeisen in den letzten Tagen.
Aber es bedient natürlich meine Vor- und Nachurteile zur Schwiegerfamilie.
Tiefkühlkuchen also und Schweigen. Und ein Tässchen Kaffee dazu.

Und dann kam es plötzlich zu einem wilden Geschenketausch.
Es wurden Pakete hin und her geschoben, „Bescherung“ gerufen und fröhlich am Geschenkpapier gerupft.
Alleweil ich mit dem Wolkenköpfchen und dem Gutfrisierten da saß, wie vom Donner gerührt. Und über uns stand eine Leuchtschrift. Darauf:
„WIR SCHENKEN UNS NICHTS!“
und darunter
(HAHAHA, IHR DEPPEN!!!)

Kurz nachdem alle Geschenke ausgepackt waren, nutzte ich eine kleine Schweigepause, als lustig geplaudert wurde, dass das kleinste Familienmitglied, seines Zeichens Urenkel der Schwiegermutter, welches leise anfing zu muckern, jetzt sofort Brüste haben wollte, also raus mit den Brüsten, um aus dem Wohnzimmer zu entschwinden.
Ich schloss mich auf dem Klo ein. Also das Badezimmer. Da steht ein Korbsessel drin. Und in dem nahm ich Platz und blieb dort einfach mal ein Viertelstündchen hocken. Ich betrachtete die Dusche, die Wanne, die tausendfünfhunderdreizehn Parfumflakons, die Seifen, die Kloschüssel und die roten Frotteehandtücher.
Anschließend stellte ich mich noch ein bisschen vor den Spiegel und grimassierte herum. Irgendwann gab ich mir einen Ruck. Imemrhin saß dort oben meine Tochter. Ohne mich. Also schloss ich die Tür wieder auf und ging, jede einzelne Stufe bewusst wahrnehmend, hinauf. Vierzehn Stufen waren es, jede ein klein wenig anders in dem Gefühl, das sie auslöste. Die erste Stufe schien noch zu rufen: Das schaffst du, während bei der letzten nur noch eine Welle der Verzweiflung über mich schwabbte.
Oben angekommen wäre es links in das Zimmer mit sechzehn Personen gegangen. Nach rechts in die Küche. Ich kann nicht behaupten, diese Entscheidung willentlich getroffen zu haben. Ich stand also in der Küche, betrachtete den Kuchen, die Fotowand mit den Bildern der vor einem Jahr durch ein Auto zu Tode gekommenen Katze, die dreihundertsiebenundvierzig Schnickschnacks überall, wobei ich dazu auch die diversen Weihnachtsdekorationen zähle und atmete einfach nur ein kleines bisschen vor mich hin.
Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass zwei Stunden schon vorbei waren. Und wir hatten vorher von ein-zwei-Stündchen-Anwesenheit gesprochen, als es darum ging, mich zum Mitkommen zu bewegen.

Also stellte ich mich in den Türrahmen zum Wohnzimmer und dünstete mit jeder Pore meines angespannten Körpers: „LASS UNS GEHEN, JETZT“ aus.

Von da an dauerte es noch ungefähr zwanzig Minuten, aber dann war die Sache klar. Wobei ich doch noch verbal werden musste, denn nonverbal klappt ja nicht so gut, beim Gutfrisierten. Da hilft nur klare Ausdrucksweise.
Draußen vor dem Haus atmete ich die kühle, frische Luft. Genoss es, Sauerstoff in meinen Körper fließen zu spüren. Das war großartig.
Und wie gern hätte ich sofort losgeätzt und gelästert. Aber hee, es ist immerhin des Gutfrisierten Familie. Der lästert ja auch nicht über die meine. Aber der lästert sowieso so gut wie nie. Er sagt nur immer, komm mit, dann können wir hinterher lästern und dann kommt aber nichts. Und ich sitze dann da mit all meinen boshaften Gedanken und Überlegungen und muss sie in mir drin lassen, wovon mir dann Hexenhaare am Kinn wachsen und meine Galle schwarz wird.

Zwecks der Bartfreierhaltung meines Kinns und der Gesunderhaltung meiner Galle sei es mir darum an dieser Stelle gestattet:

Was für eine schräge Familie! Alle kommunikativ wie zugeklappte Aktenordner. Desweiteren einen Kleidergeschmack, der auf einem anderen Planeten als dem meinen zur Welt gekommen ist. In Kombination mit flächendeckendem Übergewicht machen sich die knalligengen Takko/KIK/Primark/Bekleidungen besonders gut. Auch Schminke wird gern kräftig aufgetragen. Und Schmuck ist zum behängen da, man weiß nicht, wo fängt der Weihnachtsschmuck an und wo hört der Modeschmuck auf.
Ja, das sind Äußerlichkeiten. Und ja, man sollte niemanden verurteilen dafür, wie er sich garniert.
Und nein, es kann nicht jeder ein Smalltalkmeister sein.
Und etwas Milde und Entgegenkommen darf man erwarten. Natürlich.
Trotzdem. Es tut mir leid. Ich kann sie nicht leiden. Weihnachten hin, Fest der Liebe her. Am Besten verstehen wir uns, wenn wir uns nicht sehen. Und eine Bescherung abzuhalten und das mit keinem Wort zu erwähnen, so dass drei Leute wie bestellt und nicht abgeholt da sitzen, das ist einfach scheiße.

Und nun decken wir wieder den Mantel des Schweigens über die Schwiegerfamilie, sonst laufe ich Gefahr, mich in vergangenen Zeiten zu verlieren, als wir zum Beispiel zur Hochzeit eine Reise geschenkt bekamen von seiner Mutter, bei der sie dann mitkam, um auf ihren einjährigen Enkelsohn aufzupassen und letzen Endes anregte, die Rechnungen eindrittel zweidrittel zu teilen. Sie würde dann fürs Enkel mitzahlen.

Also Schweigemantel.