Die Ärmste. Meine Freundin. Die Ärmste.
Ich habe sie im Hospital besucht, obwohl einer meiner Vorsätze für das Jahr zweitausendsiebzehn lautete: Krankenhäuser nicht betreten.
Sie hatte eine Halsentzündung, die dermaßen eskalierte, dass es eines Chirurgen und einer scharfen Klinge bedurfte. Und so pfiff ich auf die Vorsätze und eilte an ihr Krankenbett. Gut, sie war schon wieder recht fidel. Ein weiteres Mal Grund, Hohelieder auf Antibiotika zu singen.

Wie ich mich nun in dieser von mir mittlerweile gefürchteten, weil mit ordentlich viel Trauma und Drama besetzten Örtlichkeit befand, gab es eine ordentliche Breitseite für mein Selbstverständnis.
Ich werde alt.
Das hat schon meine Omma, Gott hab sie, so es ihn gibt, selig, gesagt. An den Ärzten erkennt man, dass man altert.
Und? Recht hat sie gehabt.
Die Ärzte, besonders die Assistenzärzte, sind ja alle noch Kinder!
Oder ich eine olle Schachtel.
Und auch das Pflegepersonal sah durchweg aus, als hätte es vor vier Wochen das Grundschulabitur gemacht.
Und wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich…, na? Genau.
Eine Frau, die meinem Ich vorkommt wie eine alte Frau. Denn mein Ich ohne Spiegel sieht einfach nicht so aus. Das sieht aus wie immer. Nicht so faltig um Stirn, Augen und Mund. Keine beginnenden Hängebäckchen. Keinen schlabberigen Hals. Nein. Mein OhneSpiegelIch, das ist straff, jung, frisch und keinen Tag älter als vierunddreißig. Das hat auch nicht so verdammt müde Augen.
Das innere Bild meiner Selbst passt nicht mehr mit meinem Spiegelbild überein. Aber das Spiegelbild, das äußere Ich, das ist eben mittlerweile schon ein paar Jahre vom Assistenzärztealter entfernt.
Vermutlich werde ich mit meiner Freundin, wenn sie bald genesen ist, etwas trinken gehen. Und wenn wir im Städtchen in einem Bistro sitzen und der junge Kellner kommt, werden wir ein Likörchen bei ihm bestellen mit den Worten: „Dann bringen Sie uns doch mal zwei Cointreau-chen (sprich: Koantröhschen), junger Mann!“ und dabei albern kichern. Der junge Mann wird die Augen rollen und denken: Olle Schachteln, ab nach Hause. Und wir werden uns wundern, dass unsere Freundlichkeitsversuche nicht nur einfach so verpuffen oder in einer Wolke von Peinlichkeit entschweben, sondern komplett unbemerkt bleiben.
Sowieso hat sich da etwas verändert. Vor allem, wenn das Wolkenköpfchen neben mir herläuft. Da bekommen die jungen Kerle auf einmal Stielaugen.
Denen möchte ich hinter die Löffel hauen und lauthals: „Augen weg von meinem Kind!“ rufen. Ich habe Verständnis dafür, wenn man junge Menschen sicherheitshalber im Keller ankettet. Nicht nur die Mädchen, die Jungen auch.
Ich hätte damals, bei der ersten Begehung des hiesigen Kellers, direkt überlegen sollen, wo man die Ketten befestigen kann.
Wenn Killerdog neben mir herläuft, dann ist bei Ansammlungen von Mädchen, die man passiert, ein Geschubse und Gekichere zu erleben. Und Killerdog setzt ein Gesicht auf, als würde er gleich einen Kieselstein mit bloßen Zähnen zermalmen.
Dann ist so etwas Martialisches in seinem Blick.
Das Wolkenköpfchen bekommt das noch nicht mit, dass es angestarrt wird. Bilde ich mir zumindest ein. Es kann aber auch sein, dass es mich geschickt täuscht und sehr wohl bemerkt, dass diese angepickelten Burschen ein bisschen schmachten.
Erinnern kann ich mich schon noch, wie das war, das pubertäre Spießrutenlaufen. Dazu das Gefühl, ständig beobachtet zu werden. Sich in jedem Fenster auf den Sitz der Kleidung und der Frisur zu kontrollieren und ständig von der Furcht vor der Errötung verfolgt zu werden.
War das ein Stress.

Und jetzt?
Gut, das Erröten trifft mich in letzter Zeit manchmal wieder. Es fühlt sich an wie früher. Und auch wieder nicht. Es ist mir deutlich weniger unangenehm. Ich merke, wie das Rot vom Hals aufsteigend den Kopf flutet. Vor dreiunddreißig Jahren starb ich augenblicklich den Heldentod, wünschte mir Löcher zum Versinken, sehnte mich nach Papiertüten, in denen ich mein Gesicht verstecken hätte können.
Heute spüre ich die Hitze, die pulsierenden Gefäße unter der Haut und könnte mich wegwerfen vor Lachen. Weil es so ist wie früher, was die körperliche Empfindung angeht. Aber weil ich nicht mehr die kleinste Spur von Scham empfinde. Weil ich weiß, mein roter Kopf juckt niemanden. Dachte ich damals noch, alle Welt sieht mich an und lacht mich aus, weiß ich heute, es guckt eh keiner und es lacht keiner und es interessiert auch keinen, ob mein Kopf aussieht wie eine überdimensionale Sauerkirsche.
Wenn das nicht großartig ist.
Wenn der Fürst neben mir herläuft, dann…, nun, ich vermute, ich bin unangenehm. Weil es mir relativ egal ist, was das Umfeld denkt.
Haare? Nun, ich muss nicht aussehen, als käme ich gerade vom Star-Coiffeur. Haut? Alles, was man ins Gesicht hineinschmiert, muss man auch wieder herunterkratzen. Das verlängert die abendliche Zeit im Bad und verkürzt die Schlafenszeit.
Gleiches gilt für Wimperntusche, Lippenstift und Rouge.
Morgens ist es natürlich eine Überwindung, das Gesicht zu akzeptieren, das aus dem Spiegel schaut, wie ein verwirrter, faltiger Maulwurf. Aber wenn man nichts schmiert und tuscht und zeichnet, muss man auch gar nicht so lange hineinschauen. Eine Hand voll Wasser, ein Handtuch und ein Pfund Creme für knochentrockene Haut, das muss reichen für die Schönheit.
Wobei ich glaube, das es nicht die fehlende Kosmetik und der fehlende Versuch der akuraten Frisur sind, die des Fürsten Ungemach erregen. Eher ist es mein albernes Verhalten. Denn seit ich weiß, dass eh keiner guckt und sich fremde Leute vermutlich nicht an mich erinnern, wenn sie eine Stunde später zuhause sitzen, klappt das mit dem pubertätskonformistischen Verhalten nicht mehr reibungslos.
Singen in der Öffentlichkeit, lautes Lachen, Klatschen, albernes Hüpfen, das interessiert niemanden. Es guckt kein Schwein. Darum kann man es machen.
Aber nicht vor den Kindern. Die wissen das nämlich noch nicht. Dass Alter eine gewisse Unsichtbarkeit mit sich bringt.

Jetzt könnte ich noch meine Gedanken über den Verlust der Sichtbarkeit durch den Verlust der Fruchtbarkeit und das Fehlen von Gegucke und die Frage, ob allein die Reflektion des eigenen Ichs im anderen Geschlecht oder selben Geschlecht, je nach Ausrichtung, für ein Gefühl des Verlustes und blablablablablaaaaa, den Satz bekomme ich eh nicht mehr elegant gerettet.
Darum: Nein. Es ist egal. Es ist befreiend. Wenn keiner guckt.