Einkaufen, welch leidiges Thema. Welch ein steter Fresser meiner knapp bemessenen Zeit. Lass mal nachrechnen.
Seit einundzwanzig Jahren kaufe ich familiär ein. Davor kaufte ich sieben Jahre beruflich ein. Lebensmittel in der Hauptsache. Gut, davor schon ging ich einkaufen. Mit meinem Vater zusammen, das taten wir häufig und überall auf der Welt. Er konnte einkaufen wie kein anderer. Manchmal versetzte er mich mit seinen Einkäufen in Erstaunen, manchmal in Entsetzen. Fleischwaren in Gläsern, die Ähnlichkeit mit dem hatten, was der begeisterte Thrillerzuschauer aus der ein oder anderen Pathologie oder Forensik im Fernsehen schon vorgeführt bekam, zum Beispiel. Einkaufen mit ihm war immer ein Erlebnis und großartig, unter anderem weil er bezahlte. Immer. Und ich dann einen Hang zum unfüglichen Kaufen entwickelte. All die Dinge, die ich immer für zu teuer, zu blödsinnig, zu unnötig hielt, kaufte ich, wenn ich mit ihm durch die Läden latschte. Herrlich.
Also einundzwanzig Jahre. Ein Jahr hat wieviele Wochen? Dreiundfünfzig? Gut, wir rechnen jetzt einfach mal grob rum und sagen dreiundfünfzig.
Jede Woche einen Großeinkauf, grob gerechnet, hin und wieder auch zwei Einkäufe in der Woche, in Stoßzeiten drei und in Krankzeiten keine.
Einundzwanzig mal dreiundfünfzig ist eintausendsiebenhundertdreiundsiebzig. So oft war ich einkaufen.
Ich würde lügen, würde ich sagen, ich erinnere mich an jeden einzelnen.
Denn die Einkäufe fließen zusammen, verbacken zu einem großen Klumpen Einkaufsleben. Und nur zu ganz speziellen Augenblicken hat sich eine Erinnerung in den Kopf gebrannt.
Der heutige Einkauf für das Wochenende wird wohl dazu gehören.

Habe ich gestern gesagt, es guckt kein Schwein?
Habe ich? Nun, heute muss ich meine Aussage revidieren.
Ich ging heute früh erst einmal mit einer Freundin und zwei Hunden in den Wald. Dort war es matschig und auch noch bitterkalt. Wir kamen an ein Häuschen… nein, das ging anders.
Wir stapften durch die Schneematsche. Rheinisches Winterwetter. Nasskalter Wind mit klatschenden Schneeflocken. Widerlich. Die Schuhe sehen nach fünf Schritte aus wie nach einer Schlammschlacht und die Hosenbeine sind befleckt bis hoch zum Knie. Das Hochkrempeln über eineinhalb Etagen nützt nichts, sieht dämlich aus, man macht es trotzdem.
Nach einer guten Stunde war es genug, die Hunde leer und ich halb gefroren an den Unterschenkeln. Der restliche Körper konnte sich wieder einmal nicht entscheiden, ob er schwitzen oder frieren sollte. Hauptsache, die Füße waren trocken und warm. Der Kopf steckte in einer ollen, schwarzen, alten Strickmütze.
Durchgepustet zuhause angekommen, dachte ich mir, jetzt bin ich gerade so schön angezogen, da wäre es doch blöd mich auszuziehen und zwanzig Minuten später wieder rinn inne Klamotten, um einkaufen zu gehen. Geh ich einfach direkt. Gesagt, getan.

Im Geschäft lud ich die Karre voll. Mit allerlei Dingen. Gesunden Dingen. Bananen. Salat, Spinat, Zwiebeln. Blutorangen. Alles voll mit Vitaminen.
Tiefkühlpizza, fertige Curry-Wooosch, Toastbrot (ohne Körner oder Vollkorn!!! Schön weiß!), Chips, Schokolade, alles mit ohne Vitamine. Tortellini? Haben die Vitamine? Egal, gibt Spinat dazu.
So stand ich dann an der Kasse und lud die Pracht aufs Band, wobei es sich um Mengen handelt, Mengen, da macht man sich keine Vorstellung von. Unfassbar.
Das komplette Förderband voll mit meinem Kram. Und ich lief rot an, weil ich erhitzt war und ein wenig gestresst. Aufs Band werfen, hinten wieder runtergrabschen, nichts umwerfen, nichts runterwerfen, zackzack.

Und dann, plötzlich, hinter mir die Stimme:

„Na, bei euch gibt es aber viel Spinat…“

Kannte ich, die Stimme. Ich schaute unter meiner Mütze, zwischen meinen fusseligen Haaren hervor und da stand sie.
Halblanges, blondes, perfekt frisiertes Haar. Ein frischer Teint, rosige Wangen, winzige Lachfalten, Kleidergröße achtunddreißig, manchmal auch sechsunddreißig, aber niemals über vierzig, niemals. Auch nicht nach Weihnachten. Weiße, strahlende, grade Zähne, schmale Hände mit ordentlichen Fingernägeln. Muskeln hat sie auch. Vom Tennisspielen.
Eines meiner großen Mankos im Sozialgefüge des Kaffs: Ich spiele nicht Tennis. Mit neun Jahren habe ich eine Saison Tennis gespielt. Ich tat das ganz ordentlich, fand aber keinen großen Spaß daran, weil mir harte Bälle immer den schweren Holzschläger aus der Hand rissen. Außerdem hat es zuhause maximal niemanden interessiert, was ich mit Schläger und Filzball so machte. Kam keiner gucken. Und weil ich mir auf dem Weg mit dem Fahrrad zum Tennisplatz auch noch meinen wundervollen, zartstoffigen, indisch angehauchten Rock zerriss, hörte ich lieber auf damit. So suchte ich eben im Kaff auch keine Aufnahme im Tennisverein. Wo aber alle Damen meines Alters organisiert sind. Weshalb meine Kontakte im Kaff sehr minimalistisch ausfallen. Gut, über die Nachbarin war ich schon das ein oder andere Mal bei abendlichen Veranstaltungen eingeladen. Aber ich muss sagen, wir wurden nicht so richtig warm miteinander. Wir wohnen zwar im selben Kaff, aber es handelt sich um verschiedene Planeten. Für mich sind das Ausserirdische. Irgendwie. Oder ich bin Ausserirdisch.

Viel Spinat also, sagte little Miss Perfect. Und ich hatte sofort eine Hirnexplosion.

Olle Mütz. Oller Mantel. Schmutzige Hose. Schmutzige Schuhe. Faltiges Gesicht. Oh Gott, das Gesicht! Habe ich heute Morgen das Gesicht gewaschen? Habe ich? Zähne? Ich habe doch wohl Zähne geputzt, oder? Habe ich? Ja, oder? ODER? Meine Zähne? Sauber? Bittte, bitte, ja, doch, habe ich geputzt, die Zähne, doch Gesicht auch gewaschen, gut. Aber ich habe so schlecht geschlafen, jetzt hängen die Augenlider wieder runter bis zum Kinn. Neinneinnein, hilfe, meine Nägel, ich habe gestern meine Daumennägel abgekaut, weil ich so genervt war. Statt jemanden zu schlagen kaue ich die Nägel ab.
Und die Tiefkühlpizza, jetzt sieht sie acht Tiefkühlpizzen, ich krieg die Krise. Und die Chips, wo ich doch aussehe wie ein Walross. Oh nein, oh nein, ich habe bestimmt zwei Wochen die Augenbrauen nicht gezupft, habe ich Borsten am Kinn?
Scheiße.
Was für eine Scheiße.
Ich bin hässlich, abgenudelt und sehe älter aus als meine Omma.
Und sie? Strahlt und funkelt wie ein Stern.

Und ihre Augen sagen: Ja, das habe ich auch alles bemerkt, big Miss Flodder.

Wenigstens trage ich keine Gummistiefel. Die ziehe ich nicht zum Einkaufen an. Nur zuhause.

Ich ziehe meine momentan leider tendenziell abwärtszeigenden Mundwinkel mit aller Kraft hoch in Richtung Haaransatz und versuche, Glück, Liebe und Frieden auszustrahlen. Ich vermute, es kommt mäßig überzeugend rüber. Ein künstliches Lachen meinerseits:
„Harharhar, ja, die Jungs essen sehr viel und dann muss man viel herankarren, nicht wahr? Harharhar…“
Sie zieht eine Augenbraue hoch, legt einen Salat und etwas Käse auf das freiwerdende Förderband und ich kann ihre Gedanken hören:
„Meine Güte, lässt die sich gehen. Also ich würde niemals ungeschminkt zum Supermarkt gehen. Niemals. Ich würde mich schämen…, jetzt eben eine Runde fremdschämen.“

Ich brabbele noch etwas vor mich hin über Wochenendeinkäufe und wie anstrengend und wegräumen und kochen, sie lächelt nur ein winziges Lächeln, das die Augen nicht erreicht und ich überlege in meinem hintersten Winkel, warum, verdammt zum Teufel, Geier und Nocheins ich mich plötzlich so unangenehm bloßgestellt fühle, wo ich gestern noch vollmundig verkündet habe, erstens guckt kein Schwein und zweitens ist es mir eh egal.

Zuhause setzte ich mich auf die Treppe, von der aus ich mich dann sitzend komplett im Spiegel sehe.
Heiliger Bimmbamm.
Wirklich, ein bisschen heruntergekommen.
Und jetzt? Conseiler? Neue Klamotten?
Ach komm, reg dich ab.
Klar, sie hat geguckt. Und ja, sie hat vermutlich ein kleines bisschen abfällig etwas über mich gedacht.
Aber ich habe auch etwas über sie gedacht. Und das war nicht nur freundlich.
Und wenigstens hatte ich nicht flaschenweise Alkohol im Einkaufswagen. Das ist doch schon mal was.

Dass kein Schwein guckt, muss also überdacht werden.
Ob ich mich zum Schminken aufraffe, als Folge von guckendem Borstenvieh, kann ich mir zwar nicht vorstellen, aber sag niemals nie.

(F.K. Waechter)