Es gibt mittlerweile Momente in meinem Leben, wo die Kinder nicht mehr auffallen.
Es ist fast so, als wären sie weg, ausgezogen, eigenes Leben.

Der Fürst ist vorübergehend bei seiner Großmutter eingezogen, weil er von dort aus weniger Auto zum Schulblock fahren muss. Das Wolkenköpfchen ist unter der Woche sowieso nie daheim und kommt erst Freitagabend wieder und Killerdog geht auch zur Arbeit. Und so kommt es, dass ich Donnerstag- und Freitagmorgen hier den absoluten Schonwaschgang erlebe. Der einzige, der etwas von mir will, ist der Hund. Und der redet nicht sondern schaut nur vorwurfsvoll.

Es ist seltsam, wie die Zeit die Gegebenheiten verändert.
Was war das früher morgens für ein Irrenhaus. Da wurden schon um sieben in der Früh Schlachten geschlagen, weil jemand einen anderen angeguckt hatte. Blöd angeguckt. Oder angeglotzt. Blöd angeglotzt. Auch das zu langsame Vorgehen im Bad, das Leeren der Milch, das Gehen durch den Flur, all das konnte zu höchst aggressivem Verhalten führen. Im weiteren Verlauf auch zu Verhalten meinerseits. Verhalten, das nicht immer erziehungsratgebergeeignet zu sein schien.
Vor kurzem traf ich meine Nachbarin vor der Tür, ich ging zum Briefkasten, sie zur Mülltonne und wir unterhielten uns über die seltsam groß gewordenen Kinder.
„Es ist so still bei euch…“, sagte sie.
„Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“
„Musst du nicht. Alles gut. Die Vögelchen fliegen aus.“
„Weißt du noch, wie Wolkenköpfchen manchmal…“
Sie musste nicht zu Ende sprechen.
Gebrüllt hat das Blag. Manchmal mitten in der Nacht. Und es war nicht herauszubekommen, warum. Sie tobte und schrie und versuchte, ihre Eltern des Hauses zu verweisen.
Und Killerdog zeigte, wie er flippen konnte. Wenn er in Rage geriet, nannten wir ihn nach den großen Diktatoren des Planeten. Dann wälzte er sich schon einmal strumpfsockig im Schnee.
Der Fürst war eher nicht so häufig laut zu hören. Trotzdem sind seine Schreiereien, die er in der tiefsten Pubertät von sich gab, legendär. Mit seinen Ausfällen versetzte er Besucher in Angst und Erstaunen.
Und geheult haben sie. Jeder jeden Tag. Über alles und nichts. Sie haben geheult, weil sie etwas nicht durften (sich selbst Töten durch Sturz aus dem offenen Fenster, Steckdosen, Verschlucken von Kleinteilen, Messer, Rasierer, Efeu, Eibe und vieles mehr, nur als Beispiel), weil sie etwas wollten und nicht bekamen (Rasierapparate, Messer, Stricknadeln, Scheren, Autoschlüssel, zwei Tonnen Süßwaren, Streichhölzer, Tablettenbonbons, Straßenüberquerungen, Schnapspralinen, Modelautobusse und so weiter und so fort), weil sie mehr haben wollten von Dingen, die es nicht mehr gab, weil sie sich den Kopf angeschlagen haben an Ecken, Kanten und an der Wand, weil sie sich geprügelt haben oder gegenseitig Löcher in die Schulter gebissen.
Manchmal haben sie auch einfach nur so geheult. Dann wussten sie selber nicht, warum.

Manchmal saß ich auf meinem Sofa, die Kinder waren in ihren Zimmern, die sich direkt über meinem Kopf befanden. Ich saß einfach nur da, die Hände verkrampft in einander gelegt, die Schultern hochgezogen, und schaute an die Decke, in der Erwartung, dass bald der Putz herunterfallen würde oder ein Bein durch die Decke getrampelt plötzlich neben der Lampe herunterhängen würde.
Immer wieder zuckte ich zusammen, wenn die kreischenden Kakophonien sich in Höhepunkten der Kaskaden zusammenfanden und meine Gehörgänge quälten.

Heute sitze ich auf dem Sofa. Im Kamin brennt ein munteres Feuerchen. Es ist nachmittags, die Bude ist einigermaßen aufgeräumt, ich muss nichts großartiges mehr machen und wenn ich wollte, könnte ich auch jetzt schon ins Bett gehen, denn ich muss niemanden mehr irgendwo hinfahren, ich werde auch in Ermangelung jeglicher Motivation und Lust nichts kochen sondern auf die Tiefkühlabteilung verweisen, wenn jemand fragt. Es ist still. Sehr ruhig.

Und das ist wunderbar.

Ich hatte es mir immer vorgestellt. Ich hatte es herbeigesehnt. Ich hatte es gewünscht, nachgedacht, ob Opfergaben an die Götter der Stille notwendig sein könnten.
Und jetzt ist es einfach passiert. Einfach gekommen. Stille im Karton am hellichten Tage.
Ich kann es kaum glaub….

Oh, wie schön.
Der Bengel von nebenan hat seine Anlage aufgedreht. Warum auch nicht. War ja doch ein bisschen still hier.