Jetzt ist er also Präsident, der ungezogene Bengel in Amerika. Und hat eine der mächtigsten Positionen, die es in der Welt zu verteilen gibt, abgegriffen.
Im Radio hörte ich heute, man werde abwarten, in welche Schritte er als nächstes greift.
Gut, das ist ein bisschen flach aber entbehrt nicht einer gewissen Komik.
Erst einmal wird die Welt jetzt nicht sofort den Bach herunter gehen. Ich muss mich korrigieren. Die Welt wird auf ihrem Weg den Bach hinunter nicht spontan drei Stockwerke auf einmal abwärts springen. Aber sie wird vielleicht ein bisschen Fahrt aufnehmen. Mr. Trump wird die Geschwindigkeit erhöhen. Die Fahrt nach unten wird ein bisschen wilder werden, in der nächsten Zeit.

Ich versuche, es wie bei den Wahlplakaten zu machen, mit denen man bombardiert wird, sobald sich am Horizont ein Wahllokal abzeichnet. Ich sehe sie, ich gucke aber nicht hin. Ich versuche mit aller Kraft, sie zu übersehen. Genauso mache ich es mit dem Trumpschen Barbietrüppchen. Ich übersehe sie. Ich beachte sie nicht.
Denn jede Aufmerksamkeit, die sie bekommen und nach der sie gieren, macht sie ein kleines bisschen größer, fetter, wichtiger.
Entzieht man ihnen den Nährboden ihres Daseins, die Aufmerksamkeit, werden sie sich hoffentlich in vier Jahren erledigt haben und die Abwärtsfahrt verlangsamt sich. Ein bisschen.

Außerdem bin ich vielmehr mit den eigenen vier Wänden beschäftigt.
Immerhin gibt es hier auch genug unverantwortlich handelnde und redende Menschen, die aus demokratischen Gründen zwar sprechen dürfen, denen man aber eigentlich besser den Mund verbieten sollte.
Weil man das jedoch nicht tut, wegen Demokratie und Recht auf freie Meinungsäußerung, lässt man sie reden. Aber da sollte man nicht wegschauen. Nicht ignorieren.
Denn das findet hier statt. Vor unser aller Tür.
Und es ist wichtig, zu hören, wahrzunehmen, zu sagen: Das habe ich gehört!

Empfehlenswert ist es auch, die darunter befindlichen Kommentare anzuschauen. Da lernt man das Land und seine Leute kennen.
Und fürchten.

Den sich damit beschäftigenden Text von Sascha Lobo zu lesen, ist gut, entbindet aber nicht von der Pflicht, den eigenen Kopf in Betrieb zu nehmen und sich selbst anzuschauen, was er erzählt, der Herr Höcke.

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/bjoern-hoecke-rede-offenbart-gesinnung-kolumne-von-sascha-lobo-a-1130551.html

Herr Höcke, der eine tiefe Vaterlandsliebe empfindet, empfiehlt Dresden als neue Hauptstadt. Die Regierung des Landes wäre desolat.
Das ganze Land liege am Boden.
Politiker seien erbärmliche Apparatschiks, floskenhafte Phraseologie wie bei Honecker würde Angela Merkel von sich geben.
Die Regierung wäre ein Regime. Und zwischendurch plärrt das Volk „Merkel  muss weg“.

Als Kind von Sozialdemokraten und Grünen, als Urenkelin einer Sozialdemokratin, die mit ihrer Gesinnung auch während des zweiten Weltkriegs nicht hinterm Berg hielt, muss ich bei der Bundestagswahl vielleicht ein Wagnis eingehen. Was ich niemals dachte, was ich niemals wollte, was ich aber überlege, wenn ich ihm zuhöre, dem Herrn Höcke, der palavert über unsere einst schöne und nun bedrohte Heimat und über fremde Völkerschaften, dann wird mir bange ums Herz und ich muss vielleicht mein Kreuz woanders machen, als ich es früher tat. Denn ich möchte Merkel.
Gabriel wird es nicht werden. Und ich will meine Stimme nicht verschwenden. Also muss ich sie wohlmöglich Frau Merkel geben.
Einer unaufgeregten, ernsthaften, ruhigen und überlegten Regierungschefin, die mir im Angesicht dieser aufgepeitschten Menschen, dieses agitierenden Polemikers mit extremen Tendenzen, Vertrauen einflößt.

Sie machen mir Angst, diese Menschen, die Vaterlandsliebe herausbrüllen, die fundamentalopositionelle Bewegung wollen, die von unserer Armee sprechen, unserer Armee, die unser Land beschützen soll.
Sie machen mir Angst, weil ich an die Jahre der Naziherrschaft in unserem Land denke.

Ich erinnere mich an die ersten Filme, die ich über die Zeit der Nazis und des zweiten Weltkriegs sah. Es war in der Schule. Die Bilder der Konzentrationslager, die Bilder all der Toten, der Leichenberge.
Und die Bilder der Parteitage, der Reden von Hitler, Göbbels, all der Nazigrößen.
Und ich erinnere mich an meine absolute Fassungslosigkeit. Wie konnten Menschen das alles Menschen antun?
Wie konnten sie?

Und wie konnten die Vielen schweigen, wegschauen?
Aus Angst. Ich verstehe die Angst. Ich muss mir nur diese Rede von Herrn Höcke anschauen, dann spüre ich Angst. Ich muss nur an die Nazis denken, die sich im NSU quer durch Deutschland mordeten, dann spüre ich Angst.
Ich muss mir nur die Bedrohungskulisse mit Morddrohungen, Beschimpfungen, Schmähungen anschauen, die aufgebaut wird vor Menschen, die sich das Recht herausnehmen, freiheitlich zu denken, die Platz machen für andere Menschen, die Hilfe brauchen und in Not sind, die ihre demokratische Gesinnung offensiv vertreten, dann spüre ich die Angst.
Wenn die AFD die letzte evolutionäre Chance für unser Vaterland ist, wie Herr Höcke das proklamiert, dann spüre ich Angst.

Die Filme über den zweiten Weltkrieg, die Toten, die Ermordeten, ob Juden, Homosexuelle, Sinti, Roma, Behinderte, Andersdenkende, in erster Linie aber doch Menschen, haben mich zutiefst erschüttert. Und dafür gesorgt, dass ich unter Berücksichtigung der daraus entstandenen Verantwortung niemals die Vaterlandsliebe als Schlagwort benutzt hätte. Ich niemals gesagt hätte, dass meine Nationalität mich mit Stolz erfüllt. Wer kann stolz sein, auf Millionen Tote?

Ich lebe in einem Land, in dem keine zweihundert Mädchen aus einer Schule entführt und versklavt werden können. Ich lebe in einem Land, in dem Menschen in einem, vielleicht nicht komfortablen aber doch vorhandenen, sozialen Netz aufgefangen werden. Ich lebe in einem Land, in dem mir kein Gott vorgeschrieben wird. In dem ich tanzen kann, singen kann, arbeiten kann, medizinische Behandlung erhalte, wenn ich sie benötige. In einem Land, in dem ich sagen kann, was mir nicht gefällt und was mir gut gefällt. Einem Land, in dem ich dann applaudieren kann, wenn ich es für nötig erachte, wenn ich es will, nicht, wenn es jemand von mir verlangt.
Es mag Kritikpunkte geben, an diesem Land. Es mag Menschen geben, die mehr zu kritisieren haben. Es ist ihr Recht, dies zu sagen.
Aber sie haben nicht die Erlaubnis, dieses Land auf einen Weg zu bringen, der bereits vor achtundsiebzig Jahren der Falsche war.

Angst. Davor habe ich Angst. Dass sich dieses Land wieder auf den Weg macht, auf dem es bereits gescheitert ist und welcher der schlimmstmögliche Weg war. Und dass die Menschen es nicht erkennen, sondern solchen Demagogen hinterherlaufen, ihnen zujubeln, ihnen ein Podium bieten, auf dem sie sich ereifern können.

Wegzuschauen, zu ignorieren, das hilft hier nicht. Die Hände zu heben und zu sagen: Was kann ich schon tun?, das hilt hier nicht. Zu hoffen, dass es einfach vorbeigeht, das hilft hier nicht.
Zu denken: Ich kleines Licht, mir hört doch eh keiner zu!, das hilft hier nicht.

Ich bin eine kleine Bloggerin. Ich habe meinen kleinen Alltag. Ich lebe mein kleines Leben in einem unendlichen Universum, dem vermutlich die Existenz unseres Planeten komplett am Arsch vorbei geht. Und trotzdem:

„ICH HABE DAS GEHÖRT, HERR HÖCKE! SO NICHT!“

Ich habe gehört, wie Sie einen langen und entbehrungsreichen Weg ankündigten. Hat das nicht schon einmal ein Herr Hitler gesagt?
Ich habe gehört, wie Sie einen vollständigen Sieg ankündigen.
Hatten wir nicht einen angekündigten vollständigen Sieg und bekamen einen totalen Krieg?
Ich habe gehört, wie Sie die Stimme anhoben, wie Sie die Menschen einfingen mit ihren Worten, die mich an die schlimmsten Zeiten dieses Landes erinnern.
Sie sagen, wir sind immer noch ein total besiegtes Volk.
Ja, wir sind ein besiegtes Volk. Welch ein Glück, dass die mordenden, völlig abseits von jeglicher Menschlichkeit agierenden Volksanteile besiegt wurden.
Die Frage, was wäre aus der Welt geworden, wären wir nicht besiegt worden, kann man nicht beantworten. Soviel grausame Phantasie hat niemand.

Unsere Geschichte ist viel zu eindrücklich, als dass man sie, wie Sie es anprangern, Herr Höcke, lächerlich machen könnte, denn die Taten, die dieses Volk begangen hat, kann man nicht als lächerlich bezeichnen. Kein anderes Volk dieses Planeten wird es als lächerlich betrachten, was wir als Geschichte haben. Und nur, weil etwas schon viele Jahrzehnte her ist, wird es dadurch nicht weniger schrecklich, wird es dadurch nicht erträglicher.

 

Dieses Land, Herr Höcke, dieses Land ist auch mein Land.
Mit all seinen Fehlern und all seinen wunderbaren Seiten.
Ich möchte es mir nicht zerstören lassen.
Von Ihnen nicht. Und von keinem anderen.