Vorgestern habe ich alle Bücher und Hörbücher in die Bücherei gebracht.
Und ich habe keine mit nach Hause genommen. Damit ist mein Büchereikonto seit ewigen Zeiten das erste Mal auf Null.

„Warum?“, fragte mich der Gutfrisierte, der profitiert von meiner Ausleihsucht und jetzt selber sehen muss, wo er etwas zu Lesen herbekommt.
Ich bringe ihm nämlich in der Regel auch ein Buch mit, wenn ich von diesem einem meiner Lieblingsorte wiederkomme.
Ich hatte schon den Damen an der Ausleihtheke gesagt, dass ich wirklich gern dort einziehen würde, was sie mit einem müden Lächeln quitierten. Sie sind wohl froh, wenn sie nach getaner Arbeit die Bücherei wieder verlassen dürfen.
In jungen Jahren wollte ich wirklich sehr gern in einer Bücherei arbeiten. Ich hatte mich sogar einmal für einen Studiengang im Bereich Bibliotheks- und Dokumentationswesen beworben.
Hat nicht geklappt.
Bin ich eben Köchin geworden.
Und von dem Geld, dem wenigen, das ich damit verdiente, kaufte ich mir Bücher. Am Liebsten waren mir die Hardcover. Da hatte man richtig etwas in der Hand.
Ständig hatte ich ein Buch vor meiner Nase.
Eine Freundin hat noch vor wenigen Tagen erzählt, wie es war, als wir uns das erste Mal trafen. Ich wohnte mit dem Gutfrisierten mitten in der großen Stadt, am Puls des Geschehens, in einer schicken Altbauwohnung (Beziehungen, Freundschaft, Sympathie, Eltern, all das war von Nöten für diese Wohnung), die tiefe Fensterbänke hatte. Die Freundin fand mich cool. Ich schaute sie an, als hätte sie einen Dachschaden und erklärte ihr, dass ich mich mit Anfang zwanzig als extrem uncool empfunden habe (ich hatte eine Dauerwelle, eine Dauerwelle! Und sah aus wie meine eigene Omma, was überhaupt nicht cool ist).
Sie widersprach mir energisch. Ich hätte immer auf diesen Fensterbänken der Wohnung gehockt, Karamellbonbons gegessen und dazu dicke Bücher gelesen und mich nur widerwillig davon abbringen lassen. Sie hätte das cool gefunden.
Ihre Erzählung erinnerte mich daran, wie es damals war. Und wie ich in Büchern abtauchte.
Schon als Kind diese anderen Welten brauchte, um die Welt um mich herum zu vergessen.

Warum habe ich also keine Bücher aus der Bücherei mitgenommen?
Weil ich immer wieder gedacht habe, ach, dieses Buch müsstest du noch einmal lesen. Damals war es für dich so und so, wie mag es heute für dich sein?
Diese Bücher schwirrten mir durch den Kopf, an manche erinnerte ich mich besser, an andere nicht so gut.
Wenn ich immer neue Bücher um mich herum habe, dann nehme ich die alten eben nicht. Dann lasse ich sie links liegen und sage: Später, später, ein andern Mal.

Aber jetzt ist es soweit.
Ich lese die ollen Kamellen. Die Fensterbänke hier sind zu schmal um darauf zu sitzen und würde ich die gleichen Mengen Bonbons zu mir nehmen wie damals, ich würde anschließend wegen Stoffwechselstörungen und einem Bodymass-Index von 52 in eine Rehaklinik müssen.
Also liege ich lieber komfortabel in der Sofaecke oder dem Bett herum, schön ausgepolstert, ein Glas Wasser dazu und etwas Schokolade Bananenmuffin Obst, die Plus-Zwei-Lesebrille auf der Nase und los geht die Fahrt.

Ich fange an mit:

„Drei Männer im Schnee“ von Erich Kästner.
Was ich noch weiß:
Drei Männer begegnen sich in einem Hotel, einer ist ein Millionär und tut so, als wäre er es nicht. Sie freunden sich miteinander an und irgendwann verliebt sich der eine Mann in die Tochter des anderen, was aber in Ordnung ist.
Der Millionär fährt nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder Schlittschuh und legt sich aufs Eis. Er beschimpft sich selbst als alten Esel.
Am Ende geht alles gut aus.

Ich bin gespannt, was wirklich drin steht und ob ich es genauso mögen werde wie vor über dreißig Jahren, als ich es das erste Mal las.