Man darf das nicht. Anstand und Erziehung verbieten einem, das zu tun. Die innere Verhaltenspolizei tut ihre Arbeit und ich reiße mich zusammen. Ich beschimpfe die junge Frau in der Tankstelle nicht, denn sie kann ja nichts dafür. Auch die Frau im SUV beschimpfe ich nicht. Die kann ebenfalls nichts dafür. Ich werfe nicht mit Schokoriegeln um mich, selbst wenn sie Griffweite liegen und sich quasi für einen Rundumwurf geradezu aufdrängen.
Mag sein, ich beschimpfe den Chef. Wenn der Chef irgendwann von seinen vielen Fortbildungen zurückkommt, um bei seiner Tankstelle nach den Rechten zu sehen.
Kann sein, ich meckere. Dass er sich mal eine gescheite Strategie überlegen soll,wie das Personal reagieren sollte, wenn eine Frau ihr Auto nicht rechtzeitig aus der Waschstraße herausbewegt und die folgende Frau ihr Auto nicht hineinbekommt und ihre Autowaschung dann die Erstere genießen kann.
„Ich kann da jetzt nix machen!“ ist nicht das, was eine Kundin mit maximal verdrecktem Auto hören möchte.
Generell ist es mir ja scheißegal, wenn das Auto vor Schmutz strotzt. Wenn ich mir aber ständig die Hände waschen muss, nur weil ich ins Auto ein- und wieder ausgestiegen bin und dauernd meine Hosenbeine auf Kniehöhe vom Kofferraum verunreinigt werden, dann muss das mal geändert werden, sprich, das Auto braucht eine Dusche, so wie der Hund vorgestern.
Der sieht seitdem aus, als wäre etwas unter seinem Fell explodiert, weil ich sensitives Volumenshampoo genommen habe. Und er riecht sehr merkwürdig. Egal, das tut jetzt nichts zur Sache.
Es gibt also nicht das Geld zurück und auch keine neue Wäsche, es gibt einfach mal nichts. Und wie gesagt, es ist auch niemand zuständig, nur der Chef und der ist nicht da.
Ob sie mir kurz bestätigen könnte, schriftlich, dass ich nicht die Waschstraße genutzt habe, fragte ich. „Nein.“
Klare Frage, klare Antwort. Wie ich denn nachweisen solle, dass ich wirklich ein Problem mit der Waschstraße hatte, wenn ich denn irgendwann einmal den Chef treffen würde.
Ist nicht ihr Problem, weiß sie auch nicht, tut ihr leid.
Ich sagte, es würde mir so langsam eine Wut hochbrodeln. Kann sie verstehen, schließlich ist sie auch manches Mal in ihrem Leben Kundin.
Nur, einen Rat hat sie nicht.
Ich schreibe ihr dann meine Adresse und Telefonnummer auf und sage ihr, ich würde auf einen Anruf vom Chef warten.
Zum Schluss sagt sie mir, dass ich den Zettel mit dem Barcode noch nicht hätte eingeben dürfen, so lange noch ein anderes Auto in der Waschstraße gewaschen worden sein würde. Oder wäre.
Was ich direkt konterte.

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Mit Hilfe meines fotofähigen Smartphones. So ja nicht. Ich bin doch nicht zu doof für in die Waschstraße, Menschenskinder.

Also fuhr ich mit ungewaschenem Auto zum Wochenendeinkauf, weil mir ja diverse Mitmenschen empfohlen haben, samstags auf Einkäufe zu verzichten, für eine Schonbehandlung des Nervenkostüms.
Und kaum hatte ich den Kofferraum das erste Mal geöffnet, hatte ich Driss am Knie. Natürlich.
Anschließend klemmte ich mir den Finger im Einkaufswagenchip-Schiebefach. So ein kleines bisschen Fingerspeck. Jetzt habe ich einen blauen Fleck an der Stelle und möchte den Einkaufswagenchip-Schiebfachhersteller auf Schadensersatz verklagen. Was ich nicht tue. Ich habe keine Rechtsschutzversicherung. Denn wer sich Trulliranz-Versichert, der ist ganz und gar versichert, der spürt vom ersten Augenblick ein festes Bündnis mit dem Glück, eine Trulliranz fürs Leben.
Danke.
Ohrwurm. Das war ja klar.
Im Getränkemarkt sollte ich eine ganz bestimmte Orangenlimonade holen. Für den Fürsten mit der Influenza. Der Tee läuft ihm aus den Ohren und er möchte etwas mit Kohlensäure. Ich bin eine gute Mutter und eine noch bessere Krankenschwester, weshalb ich das Schwesternhäubchen in Platin besitze. Die gewünschte Orangenlimonade gibt es nicht. Zumindest in diesem Laden nicht.
Ich greife mir jede andere Orangenlimonade, die ich finden kann und verlasse den Laden mit Orangenlimonade im Gegenwert von sechsunddreißig Euro vier.
Und zittrigen Nervenbahnen, leise Trulliranz summend.
Im Lebensmittelgeschäft eskaliere ich ein bisschen und kaufe ein, dass ich damit fünf Influenzakranke und drei Fälle von Ebola über die Runden bringen könnte.
Noch dazu Diätetisches für das Wolkenköpfchen, welches die obligatorische Tanz-Essstörung pflegt, weshalb nur noch Lebensmittel mit null Kalorien über die Schwelle kommen. Sollen. Ich koche dagegen an mit Köstlichkeiten, zu denen sie nicht nein sagen kann. Ich bin ein Schwein. Aber ein leckeres.

Kurz vor der Tiefkühlung treffe ich eine ewig nicht gesehene Bekannte, man plaudert und ich denke ganz leise im Hinterkopf, ja, gut, weiß ich das jetzt auch, weiter geht es.
Meine Ungeduld wird langsam zum Problem.
Zuhause angekommen wird Killerdog dazu verdonnert, den Wagen zu entladen, wobei er sich die Knie schmutzig macht, was aber egal ist, denn das lässt sich mit einem Lappen wegwischen, er trägt Hosen ohne Knie. Und bezahlt dafür viel Geld. Irre.
Und plötzlich hat er auch eine sehr kurze Frisur. Monatelang ließ er sich das Haar in die Augen hängen, bis schließlich das komplette Gesicht dahinter verschwand. Ich bot ihm zwischendurch Haarspangen an, wenn ich mich nicht mehr nur mit seinem Pony unterhalten wollte.

Ein paar Lebensmittel räumte ich selbst weg. Das Eis zum Beispiel, weil das meine Privatsache ist. Das Eis. Meins. Mein Eis.
Irgendwie kam dabei etwas Klebriges an meine Hände, die ich schon wieder waschen musste, nachdem ich sie schon gewaschen hatte, weil ich das Auto angefasst hatte. Und als ich mir das Küchenhandtuch nahm, um meine Hände abzutrocknen, was bei manchen Menschen ja verpönt ist, weil man da die Hände nur und ausschließlich mit Frottee abtrocknen darf, da war was? Was war da?
Ein weiterer Höhepunkt eines an Höhepunkten nicht gerade armen Tages, der auch sofort eine Reaktion meinerseits hervorrief.

Mein Handtuch. Mein Geschirrhandtuch. Mein liebstes Geschirrhandtuch. Es hat Karos und eine Blümchenborte. Eines der wenigen verspielten Accessoires (musste ich auch erst mal schauen, wie man den Scheiß schreibt), die ich im Haushalt habe. Sonst eher Freundin der klaren Linie und Vertreterin des Anti-Deco gehörte diesem Handtuch mein ganzes Herz. Und?

Ein Winkelriss. Aber nicht nur so ein kleiner, nein, ein veritabler Komplettzerstörer.
Und? Wer war das?
Der Niemand, das dämliche Arschloch. Wusste ich doch. Der hat auch die Waschstraße verwirrt und das Einkauswagenchip-Schiebefach verklemmt.
Dem Niemand werde ich irgendwann so dermaßen eine verbraten, dass er wünscht, er hätte mich niemals kennen gelernt. Der beantragt dann Asyl. In Amerika.
(An dieser Stelle sollte sich ein Foto befinden von meinem misshandelten Handtuch und einem großen Zettel, auf welchem ich „WER WAR DAS?“ fragte; da aber heute heute ist, lädt das Gerät das Foto nicht. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.)

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(Und jetzt geht das elende XXXXXXXX-Ding doch, also schaut es Euch an!!)

Außerdem hat in der Zeitung heute gestanden, wer den Treppenlauf im Empire State Building gewonnen hat. Ich habe vergessen, wie er hieß und auch überhaupt keine Lust, nachzuschauen, wie der Name war. Irgendwas mit L. Und mit A. D. Z war auch dabei.
Egal.
Auf jeden Fall war der vermutlich nach 10 Minuten raufrennen erschöpft. Ich bin auch erschöpft. Und ich habe Waden, hart wie Kruppstahl. Mit Muskelkater.
Weil ich gesamtgesehen vermutlich in den vergangenen Tagen acht Mal soviele Treppen gestiegen bin. Der kranke Fürst liegt nämlich in seinem Zimmer, in seinem Bett und das ist unter dem Dach. Da läuft sich in der Summe so einiges zusammen, wenn man Tee kocht und hochbringt, Wärmflasche hochbringt, Lebensmittel, Tabletten, Asthmaspray, wieder Tee, wieder dies, wieder das, Melone, Zitrone, Halsbonbon…
Meine Beine tun weh. Ich soll es als Fitnesstraining sehen, sagt das Wolkenköpfchen. Der trete ich bald auch mal vor das trainierte Schienbein. Verdammich.

Und dann, ja dann hatte ich auch noch Apfelmus gekauft. Nicht Kompott. Mus. Ohne Stücke. Oh. Du. Liebe. Güte.
Und es sollte doch Kompott sein.
Ich bin am Ende. Da hilft kein Trulliranz-Geträller mehr, der Wahnsinn beißt sich immer fester in das Kostüm meiner Nerven.
Und ich bekomme Phantasien, die kein Dario Argento Film in blutiger Ausführlichkeit hätte darstellen können….

Übrigens ist gerade auch der Computer abgestürzt. Erstaunlicherweise war alles Geschreibsel in einem Zwischenspeicher gelandet, weshalb ich keinen endgültigen Nervenzusammenbruch praktizieren muss.
Mit dieser glücklichen Fügung höre ich dann jetzt auch lieber auf und fordere das Schicksal nicht weiter heraus.
Oder esse Schokolade.

 

NACHTRAG:
AUF DER STOCKFINSTEREN LANDSTRAßE STATT SIEBZIG KM/H FÜNFUNDACHTZIG GEFAHREN. PLÖTZLICH EIN BLITZ. IN ZWEI BIS DREI WOCHEN GIBT ES POST VOM LANDRAT. DANKE.
VOR SCHRECK FAST IM GRABEN GELANDET.
JETZT AB INS BETT.