Vegetation also. Immer wenn ich denke, jetzt aber, jetzt wird es besser, dann entspricht das ungefähr zwischen fünf Minuten und fünf Stunden später nicht mehr der Realität, dann wechsele ich zurück in den Vegetations-Modus. Vegetieren kann ich inzwischen richtig gut. Ähnlich wie ein Brokkoli in einer Gemüsekiste, liege ich in meinem Bett herum und warte. Warte auf den Frühling, auf besseres Wetter, auf interessante Blogeinträge anderer Menschen, die auch liegen, weil sie nicht sitzen können oder einfach so Zeit haben, etwas zu schreiben.
Eine Influenza kann sich ziehen und immer neue Passagiere aufnehmen. Zum Beispiel einen Brüllhusten. Und wenn der besser wird, dann kommt der Gewässerschnupfen. Ist man durch damit, dann folgt der berühmte Knochenknacker, scheint aber ein Resultat des vielen Liegens zu sein. Beschwerden am Beckenkamm vom darauf herumliegen sind lästig in der Nacht. Killerkopfschmerz und plötzlich auftretender Mörderhalsschmerz sind gute Freunde.
Weshalb ich mittlerweile neben meinem Bett diverse Kleinartikel liegen habe.
Eine Schachtel mit Taschentüchern. Ein Griff, ein Zipp und schon werden die Sturzfluten gefangen. Eine Mülltüte, zur sofortigen Entsorgung der benutzten Taschentücher. Eine fast völlig entleerte Flasche Nasentropfen, eine völlig neue Flasche Nasentropfen, denn ich habe die große Angst, selbige könnten mir ausgehen und ich müsste eine Nacht ohne Atmung durchstehen.
Ein paar Zuckerkügelchen, kann man immer mal lutschen, schad ja nichts.
Hustenbonbons, sehr wichtig, denn nächtlicher Brüllhusten ist für alle Bewohner des Hauses unschön und manchmal lässt er sich durch ein Bonbon besänftigen. Das ist zwar schlecht für die Zahngesundheit aber gut für das Zusammenleben.
Salbeibonbons, ganz wichtig, wenn der Hals seine Explosion ankündigt.
Getränke, diverse. Tees, gern kalt geworden und leicht angestaubt an der Oberfläche, mindestens zwei Tassen, eine Geschmacksrichtung Thymian, eine Salbei.
Eine angebrochene Flasche Wasser nach dem Abgang der Kohlensäure, eine angebrochene Flasche Wasser mit einem Rest an Kohlensäure, eine noch geschlossene Flasche Wasser. Mit Kohlensäure.
Eine angebrochene Flasche Zitronenlimonade.
Ein Schälchen mit Wasabi-Erdnüssen, schon etwas weich, trotzdem schön zum Nase kitzeln, aber mit Vorsicht zu genießen, wegen der regelmäßig auftretenden Bauchschmerzen.
Zwei ungelesene Bücher, drei Comic-Hefte, ein Kritzelbuch, ein Wecker, ein Handy, ein Dingspad, ein Lapdings, ein elektrisches Lesebuch, eine Nachttischlampe, die nach dem Ausschalten immer tickt, als wäre sie eine Bombe.
Zwei kleine Knäuel Baumwollgarn für die geplante und vom Gutfrisierten gewünschte Grannydecke, Termin der Fertigstellung ist für zweitausendzweiundzwanzig anvisiert. Die ersten zwei Grannys, fertiggestellt in nur vierzehn Tagen.
Die Decke für die Schwester wird wohl noch etwas länger dauern. Zweitausenddreißig vielleicht.
Extrem wichtig, überlebensnotwendig, stets griffbereit und gern genommen: eine Schachtel Schmerzmittel. Ich bin mittlerweile ein großer Freund des Schmerzmittels. Ich habe den Beipackzettel direkt entsorgt, so komme ich gar nicht erst auf die Idee, es gäbe irgendwelche Nebenwirkungen. Und wenn ich des Nächtens erwache, weil mein Leben mir die Bedeutung eines Klopfkopfschmerzes erläutern möchte, dann denke ich kurz: Hach, Nebenwirkungen!
Nur um gleich weiter zu denken: Ist mir doch scheißegal.
Und mit einem Schluck staubigen Tees eine kleine, runde, weiße Pille in mir zu versenken und zu hoffen, dass sie schon nach zwanzig Minuten wirkt. Und nicht erst nach dreißig.

Weil mein Nachtschränkchen nicht die Ausmaße einer königlichen Tafel im Buckingham Palace hat, sondern nicht viel größer ist als ungefähr geschätzt dreißig mal vierzig Zentimeter, musste ich mir noch ein kleines Tischchen nebendran stellen.
Als ich mich eben aufraffte, doch ein klein wenig Ordnung in dieses Durcheinander zu bringen, bemerkte ich, dass sogar dies und das unter das Bett gewandert war. Ein Glas mit einem Rest Orangenlimonade, ein Teller mit Zwiebackkrümmeln, ein Schälchen mit angetrocknetem Vanilleeis und festgeklebtem Löffel.
Das klingt jetzt so, als würde ich hier herumliegen und es mir gut gehen lassen.
Limo, Eis, Bonbons, Nüsschen, lesen und auf Elektrogeräten rumdudeln.
Ist doch fein.
Ja, das ist fein. Herrlich. Nur

ICH HAB KEINEN BOCK MEHR

Ich wäre jetzt sehr gern gesund. Und dann würde ich mich sehr freuen.
Und ja, ich wäre nicht gern nur ein bisschen gesünder. Ich will jetzt kerngesund sein.
Verdammt. Scheiße.
Ich möchte kein Leben als Brokkoli.