Bitte atme, denke ich, während ich der bergischen Sitte der Aufbahrung Tribut zolle.
Allein stehe ich vor diesem Sarg, in dem sie liegt und kann nichts denken als: Atme. Tu es für mich. Ziehe Luft in deine Lunge und huste einmal kräftig. Ein und aus. Atmen, das ist nicht schwer, das geht von ganz allein. Bitte, atme.
Und mach die Augen auf. Bewege wenigstens ein bisschen die Lider, ein winziges bisschen. Schau mich doch an.
Fang einfach wieder an zu leben. Sei nicht tot. Ich flehe dich an. Nicht gestorben sein. Atmen, Augen auf und dann helfe ich dir aus dem Sarg und wir verprügeln zusammen denjenigen, der dein Makeup verbrochen hat. Und das Arschloch, das deine schönen blonden Haare abrasiert hat und dir ein Loch in den Schädel gebohrt hat, um an dieses miese kleine Gerinnsel zu kommen, gleich mit. Wir verdreschen sie und anschließend gehen wir was essen.

Bitte. Ich flüstere es. Bitte. Ich schluchze es. Bitte. Ich bete es. Bitte.
Ich berühre deine Hand und sie ist viel zu kalt. In diesem kalten Raum kann man nur frieren. Auch mit der Mütze, die deine Wunden versteckt, wird dir nicht wärmer. Der Schal nützt auch nichts. Und dieses weiße Taft- und Satin-Sarg-Geschisse auch nicht. Ich möchte dir ein dickes, warmes Plumeau über den Körper legen. Dieser Körper, der dich in sich hatte. Was von dir noch übrig ist.
Und du bist nicht da. Und wenn ich noch so sehr bettle und flehe, du atmest nicht. Du bewegst dich nicht. Du liegst so still. Totenstill.
Ich fische meine Lesebrille aus meiner Tasche und schaue mir ein letztes Mal deine Hände an, mit denen du mir über den Rücken gestrichen hast, mit denen du manchmal meine Tränen getrocknet hast, mit denen du so grauenhaft Auto gefahren bist.
Deine Fingerspitzen sind grau. Und ein Rosenkranz liegt drumherum gewickelt.

Du atmest noch immer nicht. Warum atmest du denn nicht? Keiner, niemand, kein Mensch auf diesem verschissenen Planeten hat etwas davon, wenn du nicht atmest. Also komm schon. Alle haben etwas davon, wenn du es tust. Wenn du lebst.

Nein. Es ist vorbei. Da hilft kein Zetern und kein Weinen. Es ist vorbei.
Und jetzt muss ich damit leben, dass es einen Engel weniger gibt, auf dieser Welt.
Du atmest nicht. Und du wirst es auch nie wieder tun.
Ich atme…