Es gibt Sekunden, in denen habe ich eine Ahnung, wie sich das Leben vor fünf Jahren anfühlte. Ich hatte noch nicht lernen müssen, dass es auch mit sechzehn keine Sicherheit gibt, am Leben zu bleiben und dass der Faden sehr dünn und seidig ist, an dem mitunter alles hängt. Ich hatte noch nicht lernen müssen, wie sich das Leben ohne Vater anfühlt. Ich hatte noch einen Onkel, der nur zehn Monate älter war als ich. Ich ging noch jede Woche mit meiner Freundin durch den Wald und sprach mit ihr über das Leben und über den Tod, dem sie schon zweimal ein Schnippchen geschlagen hatte und von dem wir nicht wussten, dass er wieder in den Startlöchern saß, um sie endgültig zu holen.
Nachdem ich nun weiß, wie sich die Angst vor dem Tod des eigenen Kindes anfühlt, wie sich der Tod meines Onkels, meines Vaters, meines Schwiegervaters, meiner Freundin anfühlt, nach Litern vergossener Tränen, nach schlimmen Träumen, nach verzweifelten Augenblicken und Momenten ohne jegliches Gefühl, streift mich beim Staubsaugen gerade eben diese Ahnung.
Und ich erinnere mich an dieses Gespräch:

„Bärbel, glaubst du, dass ich jemals wieder so lustig sein kann wie früher? Ich fühle mich so schwer, traurig. Sinnlos.“
„Das ist jetzt so. Aber das wird besser. Und du wirst wieder lustig. Nicht mehr so leicht wie davor. Die Leichtigkeit geht ein bisschen verloren. Das gehört dazu.“
„Nie mehr die Leichtigkeit?“
„Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte, sie geht ein bisschen verloren. Sie wird dich wiederfinden und ein bisschen bleibt immer da.“

Während ich also die Hundehaare wegsauge und vor mich hindenke, dabei laut Musik höre und noch lauter mitsinge, streift sie mich. Die Leichtigkeit. Kurz nur und sie ist wie ein Hauch. Aber sie ist noch da. Ein bisschen.

Und bald wohnt die kleine Königin der Leichtigkeit in der Nähe, von der kann ich in Sachen Leichtigkeit eine Menge lernen.