Eigentlich war ich um zehn Uhr zum Quatschen, Tee trinken und Liedchen trällern verabredet. Aber heute früh um kurz nach sieben rief meine Verabredung an und sagte: „Ich kann nicht. Ich sitze im völligen Chaos und dann kommt noch Cousine Trulla und ich muss noch aufräumen und ich schaffe das alles nicht und ich bin verzweifelt und ich kann nicht.“
„Kein Thema.“, sagte ich. Ich bin grundsätzlich nicht ärgerlich, wenn jemand nicht kann und eine Verabredung absagt. Das war schon immer so. Dann mache ich eben etwas anderes. Nicht schlimm.

Weil ich schon einmal wach war, ging ich in die Küche und die sah ein bisschen durcheinander aus, vermutlich, weil niemand aufgeräumt hat. Dies und das stand herum. Weil ich heute nicht arbeiten muss, dachte ich mir, ist das kein Problem, ich gehe erst mit dem Hund durch den Frühlingswald und dann räume ich die Küche auf.
Genauso tat ich das und als ich den Knopf für den Start der Spülmaschine gedrückte hatte, war ich diesem Plan genauestens gefolgt. Aber dann.

Schaute ich auf die Dunstabzugshaube. Oder die Fetthaube. Wie meine Schwester sie nennt. Die war fettig. Ich machte sie ein bisschen sauber. Nicht übertrieben fettfrei, aber ein bisschen sauber. Und auf der Fetthaube stehen ein paar Dinge. Unter anderem ein kleines Silberkännchen. Und an dieser Stelle verließ ich endgültig den vorgezeichneten Tagesweg. Ich nahm das Kännchen zur Hand, empört über dessen Aussehen und dachte, das Lord und Lady Bigbottom ganz sicher not amused wären, solch ein Kännchen sehen zu müssen. Schon allein die Existenz eines dermaßen angelaufen Metallkännchens ist indiskutabel. Weshalb ich spontan seine Reinigung beschloss. Dafür benötigt man bekanntermaßen ein Reinigungsmittel. Und ich wusste genau, dass ich eine Tube davon in Besitz habe. Nur wo?

Ich öffnete die Küchen-Chaos-Schublade und fing an, darin herumzuwühlen. Da gab es allerhand Unrat, in dieser Schublade, und wo ich gerade dabei war, dachte ich mir, sortiere ich dies und das an Unrat aus. Alte Schaschlickspieße, spröde Gummis, Pflaster, Korken, Zettel, Kugelschreiber lagen neben Messern, Rührern, Löffeln, Wetzstab und Hackebeil.

Ich räumte und sortierte und einige Dinge wollten dann in der Besteckschublade verräumt werden. Aber in der Besteckschublade war es sehr krümelig. Und staubig. Und sogar ein Hundehaar lag darin. So räumte ich die Besteckschublade aus. Und wischte die Schublade aus. Irgendwie hing sie aber sehr schief umeinander, als sie komplett entleert war. Ich schaute mir die Metallführungen an und siehe da, eine Schraube fehlte. Leider war sie im darunter befindlichen Schrank nicht zu finden, das merkte ich, nachdem ich ihn leergeräumt hatte. Also suchte ich im Keller eine andere Schraube. Die fand ich auch und schraubte sie. Dann setzte ich die Schublade wieder ein. Bedauerlicherweise hatte ich die Schraube an falscher Stelle geschraubt, die Schublade war dadurch ein bisschen schief, verkanntete sich und ich musste noch dies und das zur Seite räumen, bis ich von unten hinten an die Schraube herankam.

Als sich die Schublade endlich ganz geschmeidig wieder schieben ließ, fiel mir auf, dass die Schranktüren darunter ein klein wenig schief standen. Also schraubte schnell an ein paar weiteren Schrauben und nach einer halben Stunde waren die Türen zum Glück wieder so schief wie zu Beginn meines Versuchs, sie zu begradigen.
Ich wollte jetzt erst einmal ein paar Sachen wegräumen, weil es doch ein bisschen kompliziert wurde, sich elegant durch die Küche zu bewegen.
Für all die Pflaster, Desinfektionsmittelchen, Kopfschmerztabletten, Cremetübchen zur Entzündungshemmung und Verbände hatte ich eine Schublade im wunderschönen alten Geschirrschrank auserkoren. Dafür musste ich aber die Schubladeninhalte der elf Schubladen ein bisschen umstrukturieren.
Darum habe ich die Schubladen ausgeräumt und peu à peu wieder eingeräumt, soweit es mir möglich war.
Und auch dies und das weggeworfen. Natürlich. Zum Beispiel die Zwerge, die ich einmal aus Bucheckern, Filz und Knetbienenwachs gebastelt habe. Die fünfunddreißig Marienkäfer durften auf Anweisung meiner Schwester in einer der Laden verbleiben und sind der Entsorgung gerade noch einmal von der Schippe gesprungen.

Dreißig angebrannte Teelichter später stellte ich ein kleines Gläschen auf das Regal in der Küche. Und das Regal war so staubig. Da musste sofort etwas geschehen. Schnell den Lappen und wischen, dass kostet doch kaum Zeit. So denkt man ja manchmal. Ich musste dann doch ein bisschen mehr Zeit investieren, da ich abgelaufenen Tee sortieren musste. Kein Mensch möchte eine Blasenverkühlung mit Tee behandeln, der im Jahre zweitausendunddrei abgelaufen ist. Der Apfel-Crumble-Zitrus-Tee würde noch gehen, schmeckt aber auch weit entfernt vom Verfallsdatum so extrem beschissen, dass er dem Blasenverkühlungstee folgte. Genau wie der Bonjour-Tee, der Machmichnichtirre-Tee und der Detox-Tee, der übrigens als Brechmittel hervorragend funktioniert.

Die Spülmaschine war alleweil schon fertig mit ihrer Spülerei und ich räumte sie aus. Teilweise zumindest. Die Sachen, die in die schon fertigen Schubladen konnten, räumte ich weg. Der Rest musste warten. Den Topf konnte ich aber gut schon einmal runter in den Keller bringen. Der Topf hat in der Küche keinen Platz und muss deshalb in die Waschküche. Deswegen ist er nicht beleidigt, im Gegenteil, er hält sich für was besseres. In der Waschküche, bemerkte ich, dass die Waschmaschine noch befüllt war. Die entleerte ich und hängte die Wäsche auf. Meine beiden Blusen, viel mehr habe ich nicht, trage ich seit neuestem gern gebügelt, das wäre mir früher auch nicht passiert. Weil die beiden gerade trocken dort herumhingen, klappte ich flott das Bügelbrett auf und bügelte. Dabei ließ ich kurz den Blick schweifen. Das führte dazu, dass ich, wieder oben angekommen, sofort den Sperrmüll für nächste Woche bestellte. Und wo ich gerade dabei war, telefonierte ich noch mit der Bausparkasse, dem Dachdecker, den Stadtwerken (die die monatlichen Abschläge runtergesetzt hatten, nachdem sie uns eine Rechnung für eine Nachzahlung schickten; versteht man das?).

Dann ging ich wieder in die Küche und dachte: „Scheiße. Ich glaube, ich hab mich verzettelt.“
Und dieser Gedanke war so wahr. So ehrlich. So pur. Ich dachte ihn gleich achtunddreißig Mal hintereinander.
Sonst bin ich eigentlich ein strukturierter Mensch. Mit Plan. Ich kann das. Heute?
Verzettelungskünstler.
Und Verzettelungen haben als Nebenwirkung ja auch noch Hyperflucheritis.
„Scheiße, Scheiße, verdammte Scheiße“ gesellte sich als Dauerschleife im Kopf dazu.
Dann versuchte ich, das Chaos zu beherrschen. Es zu beseitigen.
Ich war fast soweit, hatte gerade die Tube mit der Metallreinigungscreme in der Hand, wollte mir noch eben etwas zu trinken aus dem Kühlschrank holen, da fiel mir auf, dass die Tür des Tiefkühlfachs nur angelehnt war.
Und nur zwei Minuten später sah die Küche aus, als hätte ich das Chaos niemals beherrscht. Noch dazu lagen überall Eisschollen herum. Und angetaute Himbeeren, die mir heruntergefallen waren und sich wie eine wild gewordene Horde Murmeln überall verteilten.

Am Liebsten möchte ich das Küchenfenster öffnen und einfach alles dort rauswerfen.
Aber das hat immer Folgen. So habe ich letztes Jahr die Herbstdeko einfach aus dem Küchenfenster geworfen. Und nun wächst im Vorgarten unter anderem ein Kastanienwald.

Was passiert, wenn ich Teelichter, abgelaufenen Tee, kaputte Haushaltsgeräte und Korken da rauswerfe? Vielleicht denken sich dann die Nachbarn auch, ah, neue Müllkippe und dann wächst mir ein Müllberg im Vorgarten. Hat es alles schon gegeben.

Also bemühe ich mich schon seit geraumer Zeit, mit der Verzettelung aufzuhören und endlich alles wieder in irgendwelchen Schubladen einzusperren.
Ich habe übrigens auch Schlüssel von fast allen Nachbarn gefunden, die sie bei mir im Falle einer zugeschlagenen Tür oder eines vergessenen Schlüssels deponiert haben. Zum Glück habe ich auf Namensschildern bestanden. Und weiß jetzt auch wieder, dass sie in der grünen Dose mit der Aufschrift „Tee“ sind.

Und hier ist der Auslöser des heutigen Chaos.

Vielleicht sollte ich es in den Vorgarten…
Nein. jetzt weiß ich es. Der Anruf heute morgen. Da ist das verdammte Chaos auf mich übertragen worden. Was beweist: Chaos ist hochgradig ansteckend.