Vielleicht möchte mir jemand erklären, warum im Wald ältere, magere, ausgezehrte Herren in sehr knappen Sportleibchen und sehr kessen, engen Höschen in pipapogedämpften Sportlaufschuhen auf Zehenspitzen herumlaufen und dabei aussehen, als würde der Infarkt hinter dem nächsten Baum schon auf sie warten? Oder der Schlag.
Denn bei den hiesigen Wetterverhältnissen schleppt sich ein normaler Durchschnittsmensch knapp eins über dem Kriechen mit einem Hund in den Wald, einfach nur weil er es muss. Keinesfalls, weil er es will. Also ich.
Und die Herren hüpfen schnaufend, schwitzend und von ungesundem Teint an mir vorbei. Ich schätze sie auf Mitte sechzig.
Mag sein, dass sie sich davon überzeugen möchten, in diesem Alter belastbar zu sein, wie ein junger Hüpfer. Die jungen Hüpfer hier im Haus, die pellen sich recht geschmeidig ein Ei auf die Belastbarkeit und machen ganztägig Siesta und ganznächtig Fiesta. Aber bei knappen dreißig Grad und ausgeprägter Luftfeuchtigkeit laufen sie auf keinen Fall draußen herum. Zumindest nicht schnell.
Es kann sein, dass die Herren vermuten, sie würden dem Volk der Elben entstammen. Waldelben vielleicht. Die sind mit sechzig noch Jugendliche und können laufen und laufen und laufen, wenn man den Verfilmungen glauben darf.

Letztlich ist es egal.
Sollen sie laufen. Wenn sie an mir vorbeilaufen, gehe ich immer noch ein bisschen langsamer, damit sie schnell aus meinem Dunstkreis verschwinden. Ich verspüre nämlich keinerlei Lust, so ein verschwitztes Hutzelmännchen wiederzubeleben.
Liegenlassen darf man ja nicht.
Wenn ich mit meiner Freundin durch den Wald gehe, was wir jetzt schon seit Jahren gemeinsam tun, halten wir immer die Augen auf. Wir versuchen, einmal eine Leiche zu finden. Ich weiß, das klingt merkwürdig. Und es gab nun wirklich in der letzten Zeit genug Leichen in meinem Leben, mit denen ich mich beschäftigen konnte.
Aber wer in seiner Jugend fingernägelkauend Ede Zimmermann zugeschaut hat, der erwartet eben hinter einem Baum eine Leich.
Einmal hatten wir ein vermeintlich herrenloses Fahrrad ein wenig abseits des Weges gesehen. Wie ich so bin, ging ich hin und schaute mich um. Es war aber keiner da.
Wir diskutierten über die Möglichkeit eines Toten im näheren Umkreis und überlegten dann, das nicht abgeschlossene, blöd herumliegende Fahrrad mitzunehmen und dem Fundbüro zu übergeben.
Kaum hatte ich das Fahrrad berührt, stürzte aus dem Unterholz ein Hutzelmännchen, erhitzt und zerzauselt.
Und war ein klein bisschen erbost über unseren Plan. Er war doch nur im Gebüsch um dort nach Pilzen Ausschau zu halten.
Nun denn, wir nahmen mal flott unsere drallen Beinchen in die Hand und huschten von dannen, bevor sich der Pilzhutzel noch als vollkommen psychotischer Axtmörder herausstellen konnte.

Doch, der Wald ist ein Ort von Spannung, Leben, Vielfalt, Wahnsinn. Ob bei dreißig Grad oder drei.