„Unsere Haare flattern im Wind…“ bis hin zu „…einfach wunderbaaahaaar…“ und ich möchte im Garten auf meiner Liege liegen und ich hasse die Welt. Einfach mal so. Es gibt immer genug Gründe, die Welt abgrundtief zu hassen. Oder wahlweise zu verachten. Oder zu lieben, aber damit kann ich mich heute nicht befassen, heute ist Hass und Verachtung angesagt. 
Direkt neben mir, versteckt hinter einem mit tonnenweise Efeu überwucherten Gartenzaun, hockt das Nachbarskind in seinem Garten. Oder vielmehr im Garten seiner Eltern.
Und es singt.
Es würgt mich schier, wie es singt. Es singt mit Hingabe und Freude. Und ich möchte mich im Schwall erbrechen, denn das Problem ist, der Gesang ist grauenhaft.
Sie eiert und leihert und schmalzt und schnulzt von flatternden Haaren im Wind. Dreihundertsechsundachtzigmal hintereinander weg. Immer wieder die gleiche Zeile eines Liedes, das ich nicht kenne und jetzt auch niemals im Orginal hören möchte, weil ich kreischend zusammenbrechen würde.
Wie gern würde ich mit giftigem Flüstern Worte durch das Efeu schicken, Worte, die ihr auf ewig das Gesangsmaul stopfen würden, dieser kleinen, lästigen Möchte-gern-Jennifer-Lopez. „Du kannst aber echt gar nicht singen, Nachbarskind.“, würde ich zischeln und dabei gehässig kichern. „Dein Gesang klingt so richtig scheiße, meine Liebe. Ein Frosch furzt schöner als du singst…“.
Während ich so darüber nachsinne, dass ich ihr damit wirklich das Singen austreiben könnte und dabei ein fettes Grinsen über mein Gesicht huscht, wie bei einer Katze, die gerade den letzten Vogel einer aussterbenden Art zum Frühstück hatte, schreit mir meine innere Stimme der Liebe und der Vernunft zu:
„HALT BLOß DIE FRESSE, DIETER!“
Meine Güte, in mir wohnt ein Persönlichkeitsanteil, der Ähnlichkeit mit Dieter Bohlen hat und zum Vorschein kommt, wenn ich Kindern, die sich einbilden, großartig zu singen, dabei zuhören muss. Ein dunkler, ein schwarzer Teil meiner Seele. 
Jetzt werde ich darüber nachdenken, ob ich mich dafür schämen muss.
(Alleweile hält meine linke Hand mir kräftig den Mund zu, damit die angestauten Worte sich nicht einem explosiven Durchfall gleich, ihren Weg durchs Efeu bahnen.)