Meine Einkäufe liegen auf dem Band und werden langsam Richtung Kasse transportiert. Hinter mir räumt ein Ehepaar die Sachen aus dem Wagen auf das Band. Sie ist vielleicht Mitte fünfzig, hat eine mittelpraktische Mittellanghaarfrisur, klimakteriumstypische zehn Kilo nicht abwaschbare Randbeschichtung und hält sich mit Farben zurück. Er mag drei bis fünf Jahre älter sein, ist größer bei gleicher Randbeschichtung, trägt einen Schnauzbart, den man nur in einem rotem Ferrari sehen möchte und hässliche Sandalen.

Ich schaue auf ihre Einkäufe. Das tue ich gern, anderer Leute Einkäufe anschauen. Und dann stelle ich mir vor, was sie machen, mit all dem Kram, den sie mit nach Hause nehmen. Diese beiden haben einen Wagen voll mit Fertigfutter. Tiefkühlpizzen, Tiefkühlpasta, Tiefkühleintopf, Tiefkühlalles. Dazu Dosen, Würste und aufgießbare Nudelgerichte.
„Meinste echt, das reicht?“, fragt er.
„Ich bin drei Tage weg.“, sagt sie.
„Ich weiß ja noch gar nicht, wo ich da morgen auf dem Bahnhof genau hin muss. Hoffentlich finde ich das auch. Meinste, ich kann das irgendwo im Internetz nachgucken?“, fragt sie.
„Jaja. Aber meinste, das hier reicht?“, fragt er.
„Meine Güte, drei Tage. Was willste denn in den drei Tagen alles essen?“
„Na, was ist, wenn ich Riesenhunger habe? Was ist, wenn ich schon morgens so einen Hunger habe, dass ich mir was warm machen muss? Was, wenn dann nichts mehr da ist?“
„Drei Tage, ich bin drei Tage weg.“
„Ach ja…“, sagt er.
In mir keimt ein Verdacht. Vielleicht ist sie drei Wochen weg. Oder drei Monate. Drei Jahre. Drei Jahrzehnte. Drei Leben.
Entweder, sie macht sich vom Acker oder er murkst sie ab und versteckt sie im Keller. Ganz sicher ist das hier die letzte Gelegenheit, gemeinsam vorgekochte Lebensmittel zu kaufen.

Auf dem Parkplatz werfe ich meine Einkäufe in den Kofferraum. Ich bin fast fertig, als die beiden aus dem Laden kommen.
„Du weißt doch, dass ich schnell hungrig werde. Da braucht es nicht viel. Und wenn das jetzt nicht reicht?“
„Drei Tage, Mensch…“, kreischt ihre Stimme über den Platz.
„Ja, aber…“, versucht er es weiter.
Sie kommen am Auto an. Sie öffnet die Autotür, setzt sich auf den Fahrersitz und knallt die Türe zu. Er räumt seinen Vorrat in den Kofferraum und murmelt vor sich her. „Das wird bestimmt nicht reichen. Und dann sitze ich da und habe nichts zu essen, während Madam sich das gut gehen lässt. Ist ja wieder typisch…“
Er schlägt die Klappe zu, schiebt den Einkaufswagen zurück. Sie startet den Wagen und ich schaue zu. Sie fährt flott aus der Parklücke. Ich glaube, ein Glitzern in ihren Augen zu sehen und bin einen kurzen Augenblick besorgt. Entweder sie haut jetzt sofort schon ab, mit allen Lebensmitteln, oder sie fährt ihn mit einem seligen Lächeln einfach über den Haufen.

Weder noch, sie hält neben den Einkaufswagen und er steigt ein mit den Worten:
„Aber ich kann ja auch den Pizzaservice anrufen, oder?“

Ehe, sie kann einen so glücklich machen. Ehe für alle!