Samstagmorgen in einer mittelgroßen Stadt. Schon früh habe ich mich auf den Weg gemacht, um dort hinzureisen. Beeindruckt bin ich von der Möglichkeit, mit einem Zug in Zäpfchenform eine Strecke in einer Stunde und zehn Minuten zu überwinden, die mit dem Auto zweieinhalb Stunden dauert. Meine Ohren ploppen zwar bei jedem Tunnel, in welchen der ICE auf seinem Weg durch den Westerwald einfährt, dafür kann ich während der Fahrt die Augen schließen, ich kann Leute beobachten, ein bisschen herumstehen, weil es nicht genug Sitzplätze gibt und einen netten Schaffner kennenlernen, der mich fragt, wo denn um Himmelswillen das Kind ist, das auf meiner Fahrkarte steht. Ich erkläre ihm, dass das Kind noch am Zielort ist und erst auf der Rückfahrt mitreist. Anschließend erklärt er einer betagten Dame dreimal ohne mit der Wimper zu zucken, dass ihr Anschlusszug direkt am Gleis gegenüber hält und auf jeden Fall trotz der sieben Minuten Verspätung da sein wird. Er hat nämlich auch Verspätung. „Sie müssen nur aussteigen, den Bahnsteig überqueren und direkt wieder einsteigen.“, sagt er mit Engelsgeduld.
Die alte Dame ist aber noch immer nicht beruhigt. Ich konnte nach halber Strecke den Sitzplatz direkt hinter ihr ergattern und hörte, wie sie mit einem verzweifelten Tremolo in der Stimme ihren Mann immer wieder fragte, ob das wohl alles richtig sei.
Der brummelte nur. Vielleicht hatte er sein Hörgerät gedimmt.
Irgendwann drehte sie sich um und fragte mich, wie lange es noch dauern würde, bis sie aussteigen müsse. „Es dauert noch zwanzig Minuten, dann sind wir in Mannheim.“, sagte ich ihr. Sie zeigte mir ihre Fahrkarte und fragte, ob ich kurz gucken könnte, ob das alles seine Richtigkeit habe. Ich schaute, sagte: „Ja, alles richtig.“ und dann kam mir eine Idee. „Wissen Sie, ich steige auch in Mannheim aus. Wenn es Sie beruhigt, dann können wir zusammen aussteigen und ich bringe Sie über den Bahnsteig zu Ihrem Zug.“ Das Angebot nahm sie gern an. Kurze Zeit später sprang sie auf, sagte ihrem Mann, er solle den Koffer herunterholen und ging in Richtung Tür.
Ich folgte ihr, sagte, das sei noch ein bisschen früh, es würde sicher noch zehn Minuten bis Mannheim dauern, aber wir könnten gemeinsam an der Tür warten.
Dann erzählte sie mir, dass sie sonst niemals mit dem Zug fahren, immer nur mit dem Auto. Die Strecke könnten sie im Schlaf. Von Wuppertal ins tiefste Bayern, um dort Urlaub zu machen. Seit Neunzehnhundertvierundachtzig würden sie jedes Jahr ihren Urlaub da verbringen, davor wären sie immer an die Adria gefahren und hätten immer nur eine Übernachtung am jetzigen Zielort gehabt, aber es hätte ihnen so gut gefallen, irgendwann hätten sie einen kompletten Urlaub im Karwendel verbracht, seitdem wollten sie nicht mehr woanders hin.
In diesem Jahr wollte sie jedoch nicht mit dem Auto fahren. Ihr Mann hatte eine Augenoperation und da war ihr bei dem Gedanken, ihn die Strecke fahren zu lassen, gar nicht wohl. Immer wäre sie sein Navi gewesen, sagte sie, immer hätte sie ihn durch die Straßenwelt geleitet, aber in der Welt der Züge und Bahnhöfe, da käme sie nicht zurecht. Es sei so anstrengend und sie sei so gestresst, sie dürfe gar nicht daran denken, dass sie noch zweimal umsteigen müsse. Und erst die Rückfahrt, sie müsse ja auch noch die Rückfahrt meistern. Ihr Kinn zitterte ein bisschen und die Augen waren feucht.
Ich tätschelte ihren Arm. „Sie müssen sich jetzt im Moment keine Sorgen machen. Ich setze sie gleich in den richtigen Zug, in Wagen vier, da finden sie ihre Sitzplätze auch ganz leicht. Und dann bleiben Sie für ein paar Stunden in dem Zug. Bitten Sie doch den Schaffner, Ihnen zu sagen, wenn Sie aussteigen müssen.“
Und dann stiegen wir aus, der andere Zug war noch nicht da. Ich schaute auf dem Plan, wo ihr Wagen halten würde, lotste die beiden dort hin, wartete mit ihnen auf den Zug und bekam noch ein paar Geschichten erzählt, so viele, wie in eine Zugverspätung hineinpassen.
„Wissense was? Ich könnt Sie drück, woll?!“, sagte sie auf einmal zu mir. „Dann machen Sie doch einfach.“, sagte ich. Und dann nahm sie mich in den Arm, drückte mich an sich, bedankte sich und meinte: „Ich wünschte, Sie würden mit uns weiterfahren, woll?!“
„Ja, das wäre schön. Ich könnte auch vierzehn Tage Urlaub gebrauchen. Aber Sie schaffen das auch ohne mich. Versprochen.“
Der Zug kam, ich bugsierte sie an die richtige Tür, sie stiegen winkend und Abschiedsgrüße rufend, als wären wir alte Freunde, die sich trennen müssten, ein.

Die Türen schlossen sich, ich winkte zurück, der Zug setzte sich in Bewegung und fuhr aus dem Bahnhof in Richtung Bayern.
Seitdem hoffe ich, die beiden sind gut angekommen. Vielleicht haben sie in dem Zug jemanden gefunden, der mit ihnen in München das Umsteigen durchstand. Dort mussten sie den Bahnsteig wechseln.