Der Körper.
Dieser Körper, der mitunter tut, was er möchte.
Mein Körper. Der drei Kinder hat wachsen lassen. Der immer als unperfekt wahrgenommen wurde. Das leidige Thema. Zu dick hier, zu rund da, zu weich, zu fest, zu hell, zu ungleichmäßig.
Dem ich aufzwang, sehr dünn zu werden, den ich mit Zigaretten traktierte, den ich inwendig immer wieder mit Zucker glasiere.

Mit sechzehn fand ich ihn hässlich. Mit zwanzig fand ich ihn hässlich. Mit fünfundzwanzig fand ich ihn hässlich. Mit sechsundzwanzig ließ ich ihn endlich in Ruhe und gönnte ihm viel Essen für das wachsende Wesen.
Danach war er vollkommen verändert. Aber das war mir nicht so wichtig, ich war beschäftigt wie nie zuvor im Leben. Meine eigenen Befindlichkeiten sortierten sich ganz am Ende der Reihe der Wichtigkeiten ein.
Schaue ich mir Bilder an von damals, Bilder mit sechzehn, Bilder mit zwanzig, dann frage ich mich, wo im Dreideubelsnamen ich denn meine Augen hatte!
Und ob ich blind war.
Rank, schlank, knackig, frisch, wunderbar. So war mein Körper. Und ich hatte alle Zeit nichts besseres zu tun, als ihn zu verurteilen. Das hat er nicht verdient.
Und wenn ich achtzig bin, so ich es denn bis dahin schaffe, werde ich denken, was für ein unreifes Huhn ich doch dreißig Jahre vorher war, dass ich meinen Körper für abgenutzt und schlaff und müde hielt. Denn dann wird er vermutlich deutlich mitgenommener sein als heute. Der Zahn der Zeit wird noch heftiger genagt haben.

Und darum erinnere ich mich heute an meinen Körper von damals. Aber mit dem Wissen von heute. Er fühlte sich kraftvoll an. Dynamisch. Säckeweise Kartoffeln konnte er schleppen. Stundenlang mit verknoteten Beinen sitzen. Zwölf Stunden konnte er am Stück am Herd stehen, zwischen den Kühlräumen hin und her laufen, konnte vornübergebeugt fünf Kilo Zwiebeln schneiden und zwanzig Eigelbe zur Rose aufschlagen. Er konnte auf den Herd klettern und den Dunstabzug darüber putzen, ohne zu zaudern, ohne Furcht, in die Friteuse zu stolpern.
Dieser mein Körper, belastbar, jung. Am Abend müde, am nächsten Tag wieder bereit.

So schön, so jung, begehrenswert.
Mein Körper, ich erinnere mich.