Es war mitten in der Nacht. Ich war schrecklich müde aber Johannes saß immer noch in meinem Zimmer. Er war spät abends noch vorbei gekommen. Ob ich eine Tasche für ihn verwahren könnte. Er befürchtete, dass „die Bullen vorbeikommen und die Bude filzen“. Und da gab es dies und das, was er nicht im Haus haben wollte. Ich nahm die Tasche und stellte sie neben meinen Schreibtisch.
Dann hingen wir auf meinem Bett herum, rauchten ein paar Zigaretten und er versuchte, mir die Relativitätstheorie zu erklären. Ich versuchte ihm zu erklären, wie das mit den Gefühlen geht.
Er hatte vermutlich vorher ordentlich gekifft, zumindest sahen seine Augen so aus und er vernichtete all meine Schokoladenvorräte. Wir redeten stundenlang an einander vorbei. Und ich war irgendwann so müde, dass ich meinem eigenen Gerede nicht mehr folgen konnte.
Ich kippte einfach zur Seite und machte die Augen zu. Nur für drei Minuten wollte ich sie zu machen. Sie brannten. Vom Rauch und dem Wunsch nach Schlaf.
Ich döste ein und wurde nur noch einmal ein kleines bisschen wach, als er mir über die Haare strich, ganz sanft und leise murmelte: „Wenn ich nur verstehen könnte, was in deinem Kopf los ist.“
Dann schlich er leise aus dem Zimmer.

Am nächsten Morgen war ich mir nicht sicher, ob er wirklich da war, in der Nacht. Aber die Tasche stand neben dem Schreibtisch. Also war es kein Traum. Ich stand auf, nahm mir die Tasche und wagte einen Blick hinein.
Einige Bündel Geldscheine lagen darin, gerollt und mit Gummiband gehalten. Und etwas, das man für eine sehr große Tafel Schokolade hätte halten können. Eingewickelt in Alufolie und einem Klarsichtbeutel. Da hatte ich also die Basics des gymnasialen Drogenhandels in meinem Kinderzimmer und staunte nicht schlecht.
Als dann packte ich mir die Sachen in meine Schultasche und machte mich auf den Weg in die Bildungseinrichtung. Dort angekommen suchte ich nach Johannes. Der kam aber nicht. Also lief ich den ganzen Tag mit dem Kram in der Tasche herum. Und hatte nicht einmal ein komisches Gefühl dabei. Es war mir relativ egal, nein, irgendwie fand ich es sogar interessant.
Wenn ich heute nur daran denke, fängt mein Auge an zu zucken.
Am nächsten Tag nahm ich alles wieder mit in die Schule und da kam es dann zur Übergabe in der Raucherecke. Relativ wortkarg schob ich die Tasche rüber und wortkarg nahm er sie entgegen.
In der Tat war am Tag vorher die Polizei bei ihm zuhause vorbei gekommen, hatte aber nichts gefunden und ging wieder. Seine Mutter war dem Nervenzusammenbruch nahe.

Johannes verfolgte seine Karriere neben der Schule intensiv weiter und war sich selbst ein guter Kunde. Er versuchte alles, was sein Bewusstsein veränderte und das sah man ihm an. Was an zarten Gefühlen für ihn da war, verrauchte mit den Joints im Wind und ich sah zu, dass ich keine Taschen mehr beaufsichtigen musste für ihn.
Aber diese Nacht, in der er versuchte mir zu erklären, wie der Raum sich krümmt, warum sich bei steigender Geschwindigkeit die Zeit verlangsamt und noch dies und das, was ich wirklich nicht mehr weiß, diese Nacht war wie ein Rundflug um den Mond.
Seltsam. Fremd. Gerhirnknotenakrobatik. Absolut herrlich und erschöpfend.
Vielleicht hätte er auch lieber geknutscht. Ich nicht. Ich fand die Nacht perfekt.