Ich war im Kaff meiner Jugend, sorgte für betreutes Einkaufen, da die Frau Mutter das selbstverantwortliche Einkaufen nur mit Einschränkung zustande bringt.
Im Supermarkt, einem kleinen Einkaufstempel mit Auszeichnung und Goldmedaille für besonderen Einkaufskomfort stand ich bei den Knabberwaren und sinnierte über die Sinnhaftigkeit von Chips und Nüssen.
Ein Mann ging vorbei und ich warf einen vorüberschweifenden Blick auf ihn. Meistens rutschen solche Blicke einfach weiter und man vergisst, wen man eben gesehen hat. Das ist auf jeden Fall eine gute Sache des Hirns, dass man sich nicht alle Gesichter, die einem im Laufe des Tages vor die Linse geraten, auch merkt. Das würde vermutlich recht schnell zur Überladung und zu einem heftigen Kurzschluss führen.
Sekundenbruchteile nach dem schweifenden Blick durchfuhr es mich.
Den kenne ich!

Ich glotzte hinter ihm her. Woher kenne ich den? Mein Hirn sprang weg von den Knabberartikeln und fing an, in den Archiven zu blättern.
In diesem Kaffsupermarkt befürchte ich ja immer, jemanden zu treffen. Eventuell Menschen, die ich nicht treffen möchte. Ehemalige Klassenkameraden, die im Kaff geblieben, zurückgekehrt oder zu Besuch sind. Bei dem ein oder anderen wäre es nett. Aber insgesamt bin ich nicht sehr erpicht darauf. Ich mag diese abschätzenden Blicke nicht. Weder meine noch die für mich bestimmten.
„Fünfundzwanzig Jahre nicht gesehen! Was machst du denn jetzt? Wie geht es dir? Seit wann ist dein Arsch so fett? Drei Kinder? Oha, wie die Karnickel…!“

Wer ist der Typ? Den kann ich nicht aus der Schule kennen, der ist einiges älter als ich. Vielleicht so um die siebzig. War er der Vater von irgendwem? Nein, die Richtung stimmt nicht ganz.
Das Hirn springt hin und her und mir wird ganz wuschelig im Kopf von diesen Datenmassen, die umgegraben werden. Ich starre dem Mann hinterher und es will mir einfach nicht einfallen. Er verschwindet aus meinem Blickfeld. Mein Hirn kaut noch ein bisschen an dieser Denksportaufgabe herum, lässt sich aber zügig von Tiefkühlwaren und dem Kinderfängerregal ablenken.
Dann kreuzt der Mann erneut meinen Weg, schaut mich kurz an, lächelt, nickt, geht weiter und scheint ebenfalls damit anzufangen, sein Hirn nach meinem Gesicht zu scannen.
Langsam wird es unangenehm im Oberstübchen und ich spüre eine leichte Panik auftauchen. Warum kann ich mich nicht erinnern? Wieso bekomme ich dieses Gesicht in keinen Kontext einsortiert? Prosopagnosie? Erkenne ich Gesichter nicht mehr? Oder leide ich jetzt schon unter dem Arschlochs Pitter Syndrom?
(Arschlochs Pitter Syndrom: Wenn in gesellig beisammensitzenden Runden der Name einer Person gesucht und bedauerlicherweise nicht gefunden werden kann, weil die Hirnleistung aller Anwesenden aus unterschiedlichsten Gründen -Alter, Alkohol, Blödheit- eingeschränkt ist, und der Gesuchte mit den Worten: „Wird der Arschlochs Pitter gewesen sein“ benannt wird.)

Kurze Zeit später stehe ich an der Kasse, an der Nachbarkasse steht der Kerl, der mich und mein Hirn so foppt. Ich räume diverse Waren aufs Warenbeförderungsband, Leberknödelsuppe in der Dose, Cocktailtomaten, ein paar Fläschchen mit allerlei Inhalt, da schiebt sich ein Bild vor mein inneres Auge. Ich sehe das Gesicht dieses Mannes vor mir und direkt neben seinen Ohren meine Knie. Mein Gesicht wird vermutlich hitzig rot und ich denke, warum sind meine Knie neben seinen Ohren? Was ist da los? Hatte ich…? Nein, niemals! Ganz sicher nicht!
Aber warum verursacht mir dieser Kerl auf einmal ein Gefühl von…Intimität?
Sehr unangenehm, das Ganze. Und dann kracht es mir rein. Die Erinnerung schlägt direkt hinter meiner Stirn mit voller Wucht zu.
Natürlich! Der Typ ist der ortsansässige Gynäkologe und hat vor über fünfundzwanzig Jahren meinen Genitalbereich in Augenschein genommen. Darum erinnere ich mich an meine Knie neben seinen Ohren.

Einerseits erleichtert, dass ich endlich weiß, wer er ist, atme ich kurz auf. Dann sehe ich, dass er mich anschaut und frage mich:

An was erinnert der sich jetzt?