Ich versuche es mit Musik von Youtube. In den Kommentaren steht, dass das Zwergkaninchen Karamell sich beim Lauschen dieser Musik auf die Seite legt, die Beinchen streckt und bei leicht verdrehtem Kopf die Augen schließt.
Und wenn sich ein Zwergkarnickel bei Musik entspannt, dann werde ich das wohl auch hinbekommen. Möchte man annehmen. Es wäre nämlich gut, wenn ich entspannen würde. Es ist sozusagen Gebot der Stunde.
Vor allem benötigt die Muskulatur im Lendenwirbelbereich dringend der Entspannung. Dort hat sich auf Grund tektonischer Verschiebungen ein weiteres Mal eine massive Anspannung aufgebaut, was, man kann es nicht anders sagen, schmerzt. So einfach ist das. Es tut weh. Im unteren Rücken.
Alles schon dagewesen, denke ich mir. Kenne ich doch, wozu aufregen?!
Meine Bandscheibe ist einfach nicht mehr der frischeste, elastischste, schönste, geleegefüllte Glibberring. Und bis auf geleegefüllt und Glibberring würde ich den Rest für die Gesamtkonstitution ebenso gelten lassen.

Inzwischen habe ich schon vier verschiedene Entspannungsmusiken ausprobiert. Leider bin ich kein Zwergkaninchen und ich heiße auch nicht Karamell. Daraus folgt, ich verdrehe zwar den Kopf, aber ich verdrehe auch die Augen anstatt sie zu schließen und bekomme Zustände. Der Anschlag der Klaviertasten nervt mich ebenso wie das Gesäusel irgendwelcher Streicher, ich möchte ein Glas zerbrechen hören.
Dem Wunsch gebe ich nicht nach, ich kann mich nicht bücken, um die Scherben wegzuräumen.
Geduld, mein Herz, Geduld. Es wird schon wieder. Später. Heute nicht, morgen vielleicht, übermorgen bestimmt. Oder nächste Woche.
Ich versuche, mich zu erinnern, wann mich die Bandscheibe zuletzt zerlegt hat. Ist Jahre her. Aber ich weiß nicht, wieviele. Manche Leute merken sich keine Gesichter, manche keine Namen, manche können sich Wege nicht einprägen und verlaufen sich auf dem Weg zum Klo. Ich weiß nicht, wann was war. Ich weiß, dass es war, aber Jahreszahlen? Ich bin froh, wenn ich mir die Geburtsjahre der Kinder merken kann. Wie lang ich aber in diesem Haus hier wohne, wann meine Großmutter gestorben ist, wann mir eine Bandscheibe erstmalig rausquautschte, in welchem Jahr ich meine Gesellenprüfung ablegte, ich weiß es doch einfach nicht. Früher. Schon länger her.
Ein paar Dinge haben sich inklusive Jahreszahl ins Hirn gebrannt, aber derer gibt es nicht sehr viele. Und in fünf Jahren werde ich darüber nachdenken, wann ich denn gleich nochmal wie verreckt im Eck lag, weil mich der Rücken triezte. Dann erinnere ich mich, dass es Winter war, nach Karneval, weil der Rücken immer gern rund um Karneval herum in die Knie geht. Dass der ganze Wald schwamm, weil es übermäßig regnete und dass es der Winter war, in dem die Sonne sich nur selten blicken ließ.
So wie ich weiß, dass es beim ersten Mal Bandscheibe frühlingshaft war. Vielleicht der Mai. Und es war ein Chaos. Es gab gerade neue Fenster im Schlafzimmer. Davor musste eine Glasbausteinewand herausgebrochen werden. Das letzte Großprojekt mit meinem Vater. Er schwang den Vorschlaghammer als wäre er Thor persönlich.
Dann kam Engelbert und setzte große Fenster und eine Tür ein. Darauf folgte Kaiser Franz-Josef, verputzte Ecken und Kanten und Fensterlaibchen.
Und zum guten Schluss strich ich. Mit versehrtem Rücken. Ein bisschen hier, ein bisschen da. Und so sieht es bis heute an der Decke im Schlafzimmer auch aus.
Zwischendurch legte ich mich für drei Tage ins Krankenhaus, um mir einmal die richtig guten Sachen abzuholen. Wenn ich mich recht erinnere, hieß es Würzburger, was mir in die Adern floss. Schön war`s. Dieser Moment, in dem ich einschlief. Als ich wieder wach wurde, war es weniger schön. Ich kotzte mir die Seele aus dem Körper. Die drei Bettnachbarinnen bekamen ihr Mittagessen, ich bekam eine Pappschale. Sie kauten und schmatzten, ich erbrach mich im Schwall. Ich wurde in die Radiologie gebracht, da reiherte ich ins Waschbecken des Umkleidekabäuschens.
Ich kam zurück auf die Station und kübelte in eine weitere Pappschale. Dann weinte ich, weil das Kotzen mit Rückenschmerzen, die wieder zu Höchstform aufliefen, eine unangenehme Sache ist.
Ich bekam ein Zäpfchen, das ich mir nicht mal selbst in den Hintern schieben konnte, weil ich mich nicht so weit verdrehen konnte. Darüber weinte ich auch. Eine Schwester übernahm den Job. Tropfen, meinte sie, Tropfen seien Unsinn, die würde ich doch gleich wieder ausspucken. Ich solle mir mal keinen Kopf machen, wäre nicht das erste Zäpfchen, das sie schiebt. Sie war nett, meine Würde lag trotzdem in Trümmern auf dem PVC-Boden.
Dann kam der Gutfrisierte. Er sah mein Elend, entschwand und kam mit einer gefüllten Spritze wieder, die er bei seinem Arbeitsplatz, vierdreiviertel Flure weiter, besorgt hatte. Er verabreichte mir den Inhalt.  Danach war das Leben schön. Ich schlief statt zu erbrechen. Und schlief. Und schlief. Und am nächsten Tag bemerkte ich, dass der vergangene Tag nicht viel an Erinnerung behalten hatte. Ganze Telefonate waren in meinem Kopf verschwunden. Vermutlich falsch abgeheftet. Oder gar nicht, einfach geschreddert und entsorgt. Es fiel auf, als ich meiner Schwester alles zum zweiten Mal erzählte. Sie wusste es bereits. Und ich wunderte mich.

Ich hatte in der Radiologie übrigens Pommes in das Waschenbecken entsorgt. Ich konnte sie noch erkennen. Sie waren vom Abendessen. Die daraus folgende kurzfristige Pommesphobie konnte ich jedoch gut in den Griff bekommen.

Übrigens werden morgen hier ein paar neue Fenster eingebaut. Wenn ich recht darüber nachdenke, fühlt es sich ein bisschen nach Murmeltiertag an.
Die Jahreszeit ist zwar eine andere, es ist nicht nur ein sich wiederholender Tag. Es könnte sechs Jahre her sein. Oder acht. Zehn nicht. Oder? Neun? Kann es sein, dass es sieben sind? Als Waldorftuttifruttimutti weiß ich ja genauestens über die Jahrsiebte bescheid durch die einzigartigen Elternabende und pädagogischen Wochenenden, bei welchen mir die Bedeutung der Sieben-Jahres-Schritte im Leben nahegebracht wurde.
Neue Fenster = L-fünf/S-eins
Alle sieben Jahre.
Nicht mit mir. Auf keinen Fall. Ich werde einfach keine neuen Fenster mehr einbauen lassen. Weder in sieben noch in fünf Jahren. Nach den kommenden zwei morgen wird das Kapitel neue Fenster für mich beendet sein. Wäre doch gelacht, wenn ich dem Schicksal damit kein Schnippchen schlagen könnte.
Jetzt rolle ich mich einmal über die Seite aus dem Bett und gehe in den Wald. Der Hund muss schließlich trotzdem raus. Rücken hin oder her. Und außerdem, so schlimm wie damals ist es noch lange nicht. Also.
Reicht jetzt, das elende Genörgel. Schluss mit der verdammten Entspannungsmusik.