Sie stehen an der Stange und biegen ihre Körper. In alle Richtungen, bewegen die Arme auf zarte Weise, die Beine gleiten, der Rücken biegt und streckt sich. Wie Seidentücher in einer sanften Brise.
Dazu spielt Klaviermusik und man sieht sie in ihren Körpern, die Töne, die Melodie.
Die Haare sind zu festen Knoten gebunden, enge Trikots zeigen jeden Muskel, die Gesichter ernst, konzentriert.
Das Wolkenköpfchen eine von ihnen. Wunderschön anzusehen. Der lange Hals, die schlanken Arme, diese Zartheit, die Eleganz, die Hingabe an das, was sie gerade tut.
Ein Blick darauf und es wirkt wie nicht von dieser Welt.

Vor fast vier Jahren ließ ich das Wolkenköpfchen gehen um Tänzerin zu werden. Sie war dreizehn und es war ihr Traum und ihr Leben. Es gab nichts, was sie mehr wollte für ihr Leben. Ich stopfte mein ängstliches Mutterherz in eine Kiste, suchte allen Mut zusammen, den ich finden konnte und ließ los.

Ein dreizehnjähriges Mädchen war sie als sie ging, eine siebzehnjährige junge Frau kam zurück.

„Wir sind uns unserer Verantwortung für diese jungen Menschen, die sich an unserer Akademie ausbilden lassen, absolut bewusst.“ hieß es, als sie aufgenommen war.
„Wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen und dass sie uns Ihre Töchter und Söhne anvertrauen.“

Die siebzehnjährige Frau, die wieder zuhause lebt, ist schwer verwundet. In ihrer Seele. Ihr Körper erholt sich schneller, die Zehen sind verheilt, die Zehnägel nachgewachsen, nach ein paar Wochen wurden die Schmerzen weniger, der Nacken ist besser. Sie sieht nicht mehr so erschreckend dünn aus. Aber die Seele.
Der Hass auf ihren Körper, weil er mit fünfundvierzig Kilo zu schwer war. Bei einssechzig in der Länge. Fünf Kilo sollten noch herunter. Weil ihr Körper der einer jungen Frau geworden ist, mit einer Taille und Brüsten. Weil der ideale Tanzkörper ein anderer ist als der ihre. Flach überall, ohne Kurve, ohne Weichheit.
Das Erleben, wenn etwas nicht sofort geht; wenn eine Bewegung etwas länger braucht um gelernt zu werden, weggestoßen zu werden. Zu sehen, wie man als Person keine Bedeutung spielt, wie unwichtig man ist, keine Rolle spielt. Höchstleistung, sonst nichts. Keine menschliche Hinwendung, keine Unterstützung.

Sie haben mein Kind dort verletzt. Drei Jahre lang haben sie dort all das missachtet, was in meinem Wertesystem ein gutes Zusammenleben bedeutet. Und der Wunsch zu tanzen war beim Wolkenköpfchen so übermächtig, so stark, das Glück im Tanz so groß, dass sie ertrug. Dass sie mitspielte in diesem unmenschlichen Spiel. Um das tun zu dürfen, was ihr am meisten bedeutete.

Disziplin, alles hinnehmen, sich selbst auf härteste Art kritisieren. Nie genug sein. Nie reicht es, immer geht es noch ein bisschen besser. So sind die Mädchen, die tanzen und auf die Bühne wollen. Und wie sind die, die sie dort hinbringen wollen?
Nie ist etwas für sie gut genug, immer fordern sie noch mehr. Schmerzen? Egal, reck dich höher. Der Nacken schmerzt? Beweg dich, dann wird es besser. Persönliche Dinge? Dein Leben? Dein Hals muss länger werden. Zieh die Schultern herunter. Du bist traurig? Der Bauch muss flacher sein. Heb das Bein höher. Wie hältst du den Arm? Nicht gut. Tränen? Lächle! Zeig, wieviel Spaß du am Tanz hast.
Und nun auf die Waage.

Jedes Jahr legen sie eine Prüfung ab, diese jungen Menschen, die tanzen wollen, die tanzen müssen. Jedes Jahr schwebt über ihnen das Ende ihrer Träume. Das ganze Jahr bereiten sie sich auf diese Prüfung vor. Trainieren ihre Körper weit über Grenzen hinaus. Sie leiden. Sie haben Schmerzen, sie weinen, sie quälen sich, um diese Prüfung zu bestehen. Nie haben sie das Gefühl, gut vorbereitet zu sein, es schaffen zu können. Immer haben sie im Kopf, nicht zu genügen. So werden sie tainiert. Immer dort, wo es weh tut.
Und wenn sie die Prüfung bestehen, freuen sie sich nicht. Denn es heißt nicht, dass sie irgendetwas gut gemacht haben, es heißt, sie müssen noch mehr an sich arbeiten. Abnehmen, schneller werden, besser werden.

Das Wolkenköpfchen bestand die Prüfung im Sommer. Sie hätte weitermachen können. Und sie suchte all ihren Mut zusammen und hörte auf.
Kam nach Hause.
Seitdem setzt sie ihre Seele in kleinen Schritte wieder zusammen.

Und ich möchte der professionellen Ballettwelt gern ein paar Dinge sagen.
Ihr zerstört Kinder, Jugendliche, junge Menschen. Ihr nehmt ihnen die Lebensfreude, ihr macht ihre Welt winzig klein. Es gibt keine Fülle, es gibt nur noch Mangel. An allem. Zuwendung, Gefühl, Liebe und Nahrung. Auf der Bühne müssen diese geknechteten Wesen funktionieren, alles andere ist egal.
Höher springen, schneller drehen, schwerelos wirken, substanzlos, ätherisch. Ist das Kunst?
Mag sein, ich kann es nicht verstehen. Das Wolknenköpfchen sagte mir oft, ich könne es nicht verstehen, wenn sie weinte und ich versuchte, nicht mitzuweinen, was nicht immer gelang.
Ihr Ballettpädagogen, Ihr Ballettmeister, ich halte Euch für unmenschlich, für gedankenlos, Ihr folgt einem System, das so ist, wie es so ist, weil es schon immer so ist. So habt ihr es gelernt, so lehrt ihr es. So zerbrecht Ihr immer weiter Menschen.

Meine Tochter bekommt Ihr nicht.