Mittlerweile bin ich ja ein Beerdigungsveteran. Die Menge an Beerdigungen in den vergangenen Jahren nimmt bedenkliche Ausmaße an und mitunter spüre ich paranoide Zustände, fühle mich von diesen Vergraberitualen verfolgt.
Ich hatte sie alle. Die katholischen, die evangelischen, die konfessionslosen Veranstaltungen zur Verabschiedungen der übriggebliebenen Körperbestandteile.
Die einen so, die anderen so, die Geschmäcker sind da ja verschieden. Was dem einen Trost und Beistand, ist dem anderen Pein und Qual. Und umgekehrt.

Nun habe ich mein Bestattungsrepertoire um eine Zen-Zeremonie erweitert.
Als ich im Vorfeld davon erfuhr, war ich doch ein bisschen gespannt. Endlich mal was anderes, dachte ich. Und fuhr beschwingt in den Westerwald, um mir das anzuschauen und der Tante einen letzen Gruß zu entbieten. Meine Traurigkeit, wie gesagt, eine Melancholie, ein nagendes Gefühl, keine wilde, wüste Trauer. Gute Voraussetzungen mit einigermaßen erträglicher Verfassung durchzukommen.

Dann verfuhr ich mich bedauerlicherweise und musste dadurch einen Umweg in Kauf nehmen, der mich Zeit kostete, die mir fehlte. Die Beerdigung war für vierzehn Uhr angesetzt. Und da kommt man gefälligst pünktlich. Auf die Sekunde. Auch bei Zen-Zeremonien. Ich weiß das, denn schießlich war ich ziemlich abgefuckt, als meine Schwiegermutter zur Beerdigung meines Vaters ein akademisches Viertelstündchen zu spät war und ich schon mitten in der Rede.
Nachdem ich mein Auto durch Käffer gejagt habe, die ich nie vorher gesehen hatte, in einem Tempo, das mich teuer hätte zu stehen kommen können, stand ich exakt um dreizehn Uhr neunundfünfzig in der Friedhofs-Kapelle. Das ich keinen Sitzplatz mehr bekam, geschenkt. Selbst schuld, hätte ja früher losfahren können.
Und dann begann auch schon die Zeremonie.
Zwei Männer, einer in einem schwarzen Kleid, einer in einem goldenen Blazer, standen vorn vor der Urne. Im Hintergrund unser Herr Jesus am Kreuze, der sich die folgende Performance mit unbewegtem Gesicht anschaute.
Die Männer standen, fielen auf die Knie, beugten das Gesicht zu Boden, standen auf, winkelten sich in der Hüfte ab, fielen wieder auf die Knie, zu Boden, wieder auf, wieder zu Boden, hin und her, auf und ab und dabei ein monotones, meditatives Gemurmel. Irgendwann müssen Räucherstäbchen entzündet worden sein. Ich sah sie nicht, ich roch sie.
Und immer weiter Gemurmel. Ich verstand kein Wort. Weder vom Gemurmel, noch verstand ich den Sinn. Ich stand da, schaute auf die Urne, sah mir jede Menge Hinterköpfe an und kam ins Sinnieren. Weil ich nichts verstand, hatte ich Platz im Hirn für marodierende Gedanken.
Erst wollte meine Verfassung ins Lustige abschweifen. Meine klassische Verweigerungshaltung. Traurig? Später, erst mal kichern, bitte. Aber mein eingebauter Anstandswauwau kläffte und biss mir kurz in den Frontallappen. „Lass den Scheiß!“ rief er und ich riss mich zusammen. Ich fragte mich also nur kurz, ob die Männer wohl kalte Füße hatten, da sie ihre Zeremonie-Verrichtungen ohne Schuh und Strümpfe taten. Betrachtete auch nicht allzu lange die faltigen und leicht angegrauten Fußsohlen. Vielmehr erging ich mich in der Bewunderung dieser doch recht sportlichen Leistung. Einer der beiden schien Probleme mit den oberen Atemwegen zu haben, musste er doch immer wieder das Murmeln unterbrechen und hüsteln.
Jesus hing und schaute weiterhin unbewegt.
Ich hielt meine Anwandlungen im Zaum und versuchte, mich zu einer Stimmung der Andacht zu bewegen. Ich fragte mich, was wohl gemurmelt wurde und wozu es dienen sollte. Ob die Seele einen Hinweis bekommen sollte, wo die Reise lang geht? Ob das meditative Geräusch ihr Geleit sein sollte auf dem Weg dahin, wo die Zen-Leute hinkommen? Und wo ist das? Kommen alle an den gleichen Ort, egal wie sie bei der Beerdigung begleitet werden?
Aber hallo, rief ich in mir, spirituelle Begleitung! Gute Sache. Blöd, wenn nichts kommt. Wenn die Seele nicht da ist. Nichts übrig bleibt. Wat fott is, is fott. So sagt das der Rheinländer. Da kann die Seele begleitet werden, wenn sie nicht da ist, ist sie nicht da.

Ein lautes Scheppern einer Klangschale rief mich zurück und ich erging mich knapp gedanklich in mathematischen Bereichen. Sinuskurve, Parabel, Klangschalen, man  kennt das. Nur um gleich wieder abzuschweifen. Der Tod, unfassbar. Immer wieder. Jemanden nie wieder sehen zu können. Auch nach zwei Jahren darauf zu warten, dass mein Vater endlich vom Einkaufen nach Hause kommt. Nach einem Jahr auf das Handy zu schauen und sich zu fragen, wann wir endlich mein Geburtstagsessen nachholen, meine Herzensfreundin und ich. Donnernd die Erkenntnis, lange warten zu können auf die, die nicht zurückkommen. Ist noch etwas da von ihnen? Von meinen Onkeln? Von meinen Großmüttern? Von all denen, die in meinem Herzen wohnten? Und wohnen sie nicht weiter dort?

Das Gemurmel endete. Etwas verwirrt tauchte ich aus den Gedanken auf und sah, dass ein Mann sich an ein Mikrophon stellte und anfing, über meine Tante zu sprechen. Ihre Kinder hatten den Text verfasst. Richtig toll wäre es gewesen, hätte der Mann den Text vorher mal gelesen. Dann hätte er sich nicht so häufig verhaspelt.
Und er hätte sich mal erkundigen dürfen, wie man den Namen meiner Tante ausspricht. Man stelle sich vor, eine Silvia ist verstorben. Und das Mietmäulchen schafft es, in der Trauerrede aus Silvia eine Sülüa, eine Sölvia, eine Syvlia und eine Saulvia zu machen.
Ich biss mir so arg auf die Lippen, um ihn nicht anzubrüllen, ob er vielleicht mal den Namen richtig ausprechen könnte. Es war verstörend.

Nachdem er ein bisschen von Glück und Liebe und Hingabe im Leben meiner Tante erzählte, war die Indoor-Veranstaltung beendet und es ging hinaus zur Urnenwiese. Und da stand ein Tischchen mit einer Teekanne. Ich konnte nicht sehen, was mit dieser Teekanne gemacht wurde und wie die Zeremonie beendet wurde. Ich stand ganz hinten, hinter all den anderen Menschen und wollte auch gar nicht näher hin. Ich habe genug Urnen in diesen Löchern verschwinden sehen. Ich habe genug Tränen gesehen und vergossen. Mein Herz war schwer, als ich meine Cousine sah. Wenn man weiß, wie jemand sich fühlt, weil man den Schmerz so gut kennt. Und diesen Schmerz sieht, im Gesicht, im ganzen Körper. Ich umarmte sie fest, flüsterte ihr ins Ohr:
„Ich weiß es. Ich kenne es. Ich verspreche dir, es wird besser. Nicht jetzt. Nicht morgen. Irgendwann. Es wird immer schmerzen, aber es wird besser. Halte nur fünf Minuten aus. Dann noch mal fünf Minuten. Fünf Minuten schaffst du. Mehr nicht. Mehr musst du nicht aushalten. Aber diese fünf Minuten, die bekommst du hin. Irgendwann wird es so wehtun, dass du es erträgst.“
Und dann ging ich zum Auto. Vor mir ging der Mann, der die Trauerrede gehalten hatte. Ich wollte ihm gern ein Bein stellen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob man im tiefen Westerwald für sowas nicht möglicherweise gelyncht wird.