Es ist wie damals, als ich Toejam and Earl komplett durchgespielt hatte. Ein Gefühl der Befriedigung, der Befreiung, des Glücks aber auch eine seltsame Leere durchströmten mich.
Genauso ging es mir in der vergangenen Woche, als der wirklich groß gewordene älteste Sohn mit seinem Sack und seinem Pack das Haus verließ und ein Zimmer zurückblieb, dass von vielen Jahren des Erwachsenwerdens erzählen konnte.
Löcher in der Wand, Schrammen in den Dielen und einiges, was einfach aus dem Fenster flog, weil das der kürzeste Weg zum Sperrmüllhaufen war.
Ich habe also das erste Kind sozusagen durchgespielt. Jetzt wohnt er in einer eigenen Wohnung. Und ganz entgegen seiner sonstigen Chaosqualitäten hat er es bisher noch nicht geschafft, die Bude in einen Schweinestall zu verwandeln. Was hier nur eine Frage von Minuten war, Klamotten-ausziehen-und-in-die-Ecke-pfeffern,
Essen-auf-Geschirr-mit-nach-oben-nehmen-und-dann-unter-dem-Bett-lagern,
Flaschen-voll-und-leer-überall-herumliegen-lassen, all diese schnell und effektiv durchgeführten Maßnahmen zur Verunreinigung eines Raumes, es ist, als habe es sie nie gegeben.
Seine Wohnung ist nett, adrett und aufgeräumt. Jeden Abend spült er sein Geschirr. In seiner Küche. Damit die Speisereste nicht antrocknen. Ich fasse es nicht. Wie kann das sein? Der Typ, der das Alter von Ketchupresten auf einem Teller anhand der Trocknungsrisse bestimmen konnte, der lässt nichts mehr antrocknen.

Heute kam er mittags überraschend einfach vorbei. Gut, er hat noch kein Internet und war scharf auf ein bisschen Wlan. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, er sei wegen Sehnsucht nach seiner Mutti vorbeigekommen. Bei einer Entfernung von fünf Kilometern zu seiner Wohnung wäre das auch merkwürdig. Sehnsucht wächst möglicherweise mit der Entfernung.
Und wie er da so saß, da lief sein Leben noch einmal an mir vorbei. Die ganzen Momente, die wir geteilt haben. Damals, als ich vor dem Fernseher lag, komplett geschlaucht von der Arbeit, mir Beverley Hills neunzig zweihundertzehn reinzog und Andrea in dieser Folge bei ihrer Ärztin auf der Liege hockte, ängstlich schaute, weil sie dachte, sie hätte Grippe oder Krebs und die Ärztin sagte, neinnein, sie habe nichts dergleichen, sie sei einfach nur schwanger. Und ich zuckte zusammen. Fühlte ich mich doch nach grippalem Infekt oder Krebs, konnte mich aber plötzlich nicht mehr an meine letzte Periode erinnern. Sofort lief ich in die Apotheke und nur zwanzig Minuten später machten wir miteinander Bekanntschaft, der Sohn und ich. Ich war sehr fassungslos, der Sohn war kaum beeindruckt, denke ich. In den nächsten Monaten wuchsen wir zusammen, wurden größer, bis er sich auf machte in die Freiheit, raus aus dem Uterus, rein ins Leben. Dieses Gefühl, als er mit meiner letzten Kraft aus mir herausrutschte. Das ist mit nichts zu vergleichen.
Meine folgende Angst, er könne sterben. Es gab unendliche viele Möglichkeiten für ein Baby, zu sterben. Nicht mehr zu atmen, eine davon. Irgendwo herunter zu fallen. Zu Tode verschlucken. Überfahren zu werden. Geklaut zu werden. Im Waschbecken zu ertrinken. Beim Zähneputzen an der Zahnpaste zuersticken. Oder an der Zahnbürste.
Gefahren überall. Bei der Geburt wird das Kind geboren, ein Vater, eine Mutter und die Angst.
Wir schafften es, ihn am Leben zu halten, er wuchs und tat seinen Kinder-Job.
Dann kam der Moment in seinem Leben, der unser aller Leben, das seiner Eltern und das seiner Geschwister in ein Davor und ein Danach teilte. Der Moment, an dem es fast passiert wäre, an dem wir ihn nicht davor bewahren konnten, dass der Tod sich an das Fußende seines Bettes stellte und Ansprüche anmeldete. Der Tod wurde vertrieben, er bekam ihn nicht. Und der Sohn genaß langsam. Kaum hatte er genug Kraft gesammelt, stürzte er sich kopfüber in alle Schwankungen, die die Pubertät hervorbringen kann. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Und jetzt?
Jetzt sitzt er auf dem Sofa, grinst und ist erwachsen.

Und ich, die ich gestehen muss, die Tage abgezählt zu haben, bis er das Zimmer unter dem Dach geleert haben würde, spüre den kleinen Stich. Ich lasse ihn gern gehen. Ich habe ihm das Zimmer auch ein bisschen unter dem Hintern wegrenoviert. Konnte es kaum erwarten. Trotzdem ist er jetzt da. Dieser Stich. Etwas ist vorbei.

Wie ein kühles Tuch legt sich auf den Stich das Gefühl, weiter für ihn dasein zu können. Das ist wunderbar. Wie mein Vater für mich da war, so bin ich jetzt für ihn da. Weshalb ich solche großartigen Dinge tue wie einen Alibert aufzuhängen. Ja, Alibert. Beleuchteter Badezimmerschrank mit Spiegel. Kann ich jetzt. Wenn man dreimal die Elektrik verkabelt hat und das Scheißding immer noch nicht die Glühbirnen leuchten lässt, dann sind es nicht die Kabel. Dann muss man einfach den Ein- und Ausschalter am Alibert himself einmal betätigen. Das hilft. Und wenn man ein Loch zu groß gebohrt hat, dann dreht man eben drei Schrauben rein. Sowas kann er noch lernen von mir, der Bursche. Mein Vater dreht sich vermutlich in der Urne, denn er hätte niemals so gemurkst wie ich das tue. Aber damit muss er klar kommen.

Und ich habe jetzt ein Zimmer. Ein Schlafzimmer. In dem kann ich durchschlafen. Keine nächtlichen Attacken auf meine Ohren, keine Geräusche aus schlaffgesegelten Gaumen, einfach Ruhe. Ein Zimmer, in welchem ich schreiben kann. Ein Zimmer mit Tür. Ein Zimmer, klein, weit oben unter dem Dach. Ein Zimmer, dessen Wände ich von Löchern befreit habe, dessen Dielen ich poliert habe, das ich gestrichen habe in einer frischen Farbe, ein Zimmer, in dem ein weicher Sessel steht.
Mag sein, ich stelle demnächst Teller mit angetrockneten Ketchupresten darunter.
Auf jeden Fall darf mich der große Sohn gern hier oben besuchen kommen.

(… da waren es noch zwei…)

P.S.: Da hat mich Annika darauf aufmerksam gemacht, dass mein Blog gemocht wird. Vom Zeilensturm. Und das erfüllte mich großer Freude. Und auch ein bisschen Stolz.
Vielen Dank.