Jeder Tag birgt wundervolle Gedanken. Gedanken, die einen durchströmen wie ein weicher Luftzug, süß wie ein Hauch von Zuckerwatte, leicht nach Zimt duftend. Sie streicheln die Hirnhäute und verteilen sich von dort aus sanft in jeden Winkel des Körpers. Es sind diese Gedanken, die das Leben lebenswert machen.

Zum Beispiel der Gedanke, gleich nach dem Wachwerden am sehr frühen Morgen. Nein, nicht der Gedanke: Können dieses Vögel einfach mal leiser brüllen? Der nicht. Der ist auch gar nicht so differenziert im Inneren. Dieser Gedanke ist mehr ein bisschen erfüllt von Gewaltphantasien, die man selbstverständlich sofort zugunsten der stetig weniger werdenden Singvögelpopulationen zurückstellt.
Der Gedanke, samtig und weich, der mit Glück einhergeht, er lautet:
In ein paar Stunden liege ich wieder hier.
Und weil das Eintreten dieser Tatsache höchst wahrscheinlich ist (es sei denn, man fällt dem Schicksal in die Hände und das sorgt für ein schnelles Ableben, was bekanntermaßen durchaus im Rahmen des Möglichen liegt), ist es wunderbar, diesen Gedanken wie einen Dauerlutscher immer wieder durchzulutschen. Dauerhaft.

Beim schlaftrunkenen Zähneputzen in Erinnerung rufen, dass bald schon die Zähne geputzt werden, um sich alsbald zu legen; schon ist es leichter, sich den Morgenmief aus dem Kiefer zu spülen.

Auf dem Weg ins Büro den Gedanken genießen, nur einige wenige Stunden später den Kopf wieder auf das optimal eingenudelte Kissen betten zu können, das gibt die nötige Motivation bis zu dem Moment, wo der nächste großartige Gedanke an den Augenblick des Ausstreckens der Gliedmaßen seine Zeit hat.

Auch beim Blick in die Kloschüssel, wodurch sich langsam aber sicher der millionenste Wutanfall nähert („Meine Damen und Herren, bald ist es soweit, nur noch dreitausendsiebenhundertsechunddreißig Wutanfälle, dann ist die Millionen erreicht! Das wird großartig. Das wird wunderbar. Auf jeden Fall eine Party wert. Seien Sie dabei! Und reichen Sie jetzt noch schnell Ihre Wette ein. Wann wird es sein? Tippen Sie das Datum und gewinnen Sie möglicherweise eine Klobürste deluxe der Firma Klowohl, mit spezialbenöppelten Bürstenborsten in Tigeroptik und mit handschmeichlerischem Tropenholzimitatgriff!“) lässt man sich nicht hinreißen, etwas anderes zu denken als: Ich darf bald zu Bett gehen.
Und gleich verschwinden die Gedanken, Köpfe im Sinne einer Klobürste zu verwenden, statt dessen breitet sich ein wohliges Gefühl aus und ein mildtätiges Lächeln erfüllt das Gesicht.

Nach jeder Aufforderung, mit dem Hund den Wald aufzusuchen, empfiehlt es sich, sofort einen Gedanken an das Liegen im Bettchen hinterher zu schicken. Zwar summiert sich die Anzahl der Gedanken dadurch massiv (im Schnitt kommen dreiundzwanzig dazu), es sind aber keinerlei Abnutzungserscheinungen zu bemerken. Im Gegenteil, führen die vermehrten Gedanken ans Nachtschläfchen zu einem sehnsuchtsvollen Ziehen direkt unter der Haut. Der ganze Körper fängt am Nachmittag an, köstliche Hormone auszuschütten, weil er in der ständigen Erwartung gehalten wird: Bald ist es soweit.
Es ist ein bisschen so, als würde man ununterbrochen kurz vor einem wundervollen Erlebnis stehen. Einen Tag davor. Erst wollte ich Weihnachten bemühen. Dann habe ich mir kurz den dreiundzwanzigsten Dezember vor mein inneres Auge gerufen. Anschließend habe ich es mit Ostern versucht.
Ich glaube, besser beschreiben kann ich es so: Im Tiefkühlfach steht ein Eimer voll mit wunderbarer Eiscreme und es ist klar, dass er nur für dich allein dort steht und gleich kommt der Moment, wo du die Tür des Kühlfach öffnest und dann…
(Elend. Schnell wieder zurück zu den Gedanken daran, bald ins Bett zu dürfen, denn am Kühlfach war schon jemand vor dir. Vermutlich der Hund. Wer sonst.)

Wenn sich der Tag langsam dem Abend und der Nacht zuneigt, dann werden die Gedanken immer farbiger, blumiger, bunter. Diese Freude. Und die Gewissheit, bald. Bald. Nicht mehr lange.
Schmalziger Herd? Geschirr auf anstatt in der Spülmaschine? Handtücher auf dem Badezimmerboden? Maulige Gesichter? Schnecken im Beet?
Ich habe schöne Gedanken. Die schönsten Gedanken weit und breit. Und diesen Gedanken lasse ich Taten folgen.
Noch schnell wieder Zähne putzen, Nachtwäsche an und dann kommt er, der Moment, der sich den ganzen Tag in den Gedanken ankündigte. Und er ist genauso schön wie erwartet.

Weicher Luftzug, Zuckerwatte, warme Farben, Ruhe im Karton.