In Ruhe auf dem Klo sitzen. Das ist ein Luxus. Jahrelang waren diese Momente rar gesät. Jetzt sind sie ohne große Vorbereitung möglich.
Erst den Büstenhalter, der unter den Titten kneift, das Durchatmen erschwert und an den Schultern Rillen in den Speck presst, vom Körper reißen. Auf diese spezielle, vollkommen unerotische Art und Weise, die Träger durch die T-Shirt-Ärmel zu zerrren und das gesamte Gebilde dann aus dem Dekolleté zu ziehen wie ein Zauberer das Karnickel aus dem Hut.
Anschließend befreit durchatmend aufs Klo setzen und einfach nur die Klotür anstarren, ganz ohne Zeitdruck und ergebnisoffen.
Bis es an der Tür klingelt.
Bis der Ruf kommt. „Mamaaaaa…“
Gut, dann wird das Klo eben ein anderes Mal länger besucht. Während eine Menge Füße durchs Haus trampeln und immer wieder der Ruf „Maaamaaaa!“ erklingt, leise und diskret aus der Klotür schleichen, sich im Wohnzimmer auf das Sofa setzen und so tun, als säße man schon ewig dort. Auf keinen Fall mit dem eigen Fleisch und Blut über die vergangenen fünf Minuten sprechen.
„Ah, da bist du ja! Wo warst du?“
„Weg.“
„Okay. Kannst du uns zur Bahn fahren? Wir wollen in die Stadt. Party.“
„Nehmt den Papa mit.“
„Was?“
„Mitnehmen. Papa.“
„Äh. Nein.“
„Gut. Wann?“
„In drei Minuten? Und kann der Heini heute hier schlafen?“
„Hallo Heini.“
„Hallöchen.“
„Ja, kann er.“
„Cool. Wir müssen los. Hast du die Flaschen, Heini?“
„Japp.“
Alle auf zum Auto. Auf dem kurzen Weg dort hin tröpfelt die Erkenntnis ins Hirn, dass das Brustgewebe nicht mehr gestützt wird und dementsprechend auf und ab wippt und das sommerliche T-Shirt die Brustwarzen hübsch zur Geltung kommen lässt.
Hoffentlich macht Heini die Augen zu.
Im Auto plärrt das Radio los. Ich drehe die Lautstärke richtig hoch.
„Maamaa, mach leiser!“
„Nein.“
„Ok.“
Springsteen singt I´m on fire und das ohrenbetäubend. Sie sind einfach zu jung, die Zwanzigjährigen.
„Kannst du nicht doch leiser machen?“
„Sei froh, dass ich nicht mitsinge!“
Es ist nur noch Springsteen zu hören. Keine weiteren Beschwerden.

Dann singe ich mit. Everly Brothers. Es geht nicht anders.
Heini sitzt ganz still neben mir und hält mich sicher für den Freak der Woche.
Killerdog möchte mich vermutlich eintauschen. Gegen eine Stehlampe.
An der Bahn steigen sie aus. Wortlos. Ich sage auch nichts. Fahre in den Sonnenuntergang. Der warme Wind mischt sich mit der Kühle der Klimaanlage. Das Licht ist fantastisch. Ich puste eine Menge Luft aus.
Überlege mir eine Menge unsinniger Sachen innerhalb von vier Minuten. Dann stehe ich wieder vor dem Haus. Steige aus und frage mich, wann die vergangenen fünfundzwanzig Jahre im Klo verschwunden sind. Einfach weggespült.