Eben kroch ich wieder einmal im Wohnzimmer auf allen Vieren mit einer Tierhaarentfernungsbürste über den Teppich und bürstete mit Hingabe.
Ich sage: schwarzer Hund, beiger Teppich, Fellwechsel. Jeder, der einen Hund besitzt, braucht keine weitere Erläuterung. Diejenigen, die einen beigen Teppich besitzen, sind vermutlich phantasiebegabt genug, sich die Bedeutung der Kombination vorzustellen. Wer weder einen Hund noch einen beigen Teppich besitzt, sollte auch nicht auf die Idee kommen, selbiges besitzen zu wollen. Gehen Sie bitte und kaufen Sie sich einen dunkelbraunen Flokati. So einen gab es in meiner Kindheit im elterlichen Wohnzimmer, bis ein enges Familienmitglied auf dem Töpfchen vor dem Fernseher saß und im Überschwang des Gesehenen das Töpfchen beim Aufstehen mit der Verse über den Flokati kegelte. Das war sein Ende.
Auf dem beigen Teppich lassen sich mit der Bürste kindskopfgroße Haarbälle zusammenbürsten. Anschließend noch mit dem Staubsauger darüber und schon sieht der Teppich aus, als ginge er noch. Eine Woche. Oder drei. Es gibt aber, solange der Hund lebt, auf Geheiß des Gutfrisierten keinen neuen Teppich, weil er sagt, dass dieser doch sowieso sofort wieder eingehaart und nach Hund riechen wird. Das ist wohl richtig. Aber ich kann diesen Teppich nicht mehr sehen.
Natürlich wünsche ich mir in der Konsequenz nicht, dass der Hund stirbt. Ich wünsche mir eigentlich nur, dass er weniger haart und weniger stinkt. Weil er ein sehr netter Hund und er beliebt ist, möchte keiner einen neuen Teppich. Kein Teppich wäre auch keine Alternative, erstens wegen der Behaglichkeit und zweitens fliegen die Hundehaare so zumindest nicht durch alle Räume sondern sammeln sich hübsch auf dem Teppich.

Außerdem betreibe ich im Moment auch wieder körperliche Ertüchtigung. Nach Jahren des Dahinschluderns und der Abbaubeobachtung war mir plötzlich klar, dass es so nicht weitergeht, weshalb ich auch vom Schrank die Yogamatte holte. Ich habe Erfahrung mit der Ertüchtigung, ich muss mich nur daran erinnern. Und die Yogamatte ist elementar. Als ich sie aus ihrer Hülle holte, traf mich ein Geruch. Und auf diesem Geruch kann ich nicht eine einzige Übung für den maladen Rücken machen. Weshalb ich die Matte, ein Geruch aus Muff, alten Instrumenten aus dem Musikantenstadel des Gutfrisierten, Schaf (welches die Matte einmal war) und Staub ausdünstend, ganz schnell an die frische Luft befördern wollte. Auf dem Balkon hängte ich sie über die Brüstung, zupfte noch ein paar undefinierbare Fusseln ab und wurde plötzlich angesprochen. Von der Nachbarin auf dem gegenüberligenden Balkon.
„Hallo!“, rief sie herüber. „Hallo!“, rief ich zurück.
„Immer, wenn ich Sie sehe, denn putzen Sie!“, rief sie. Und ich guckte sie an. Es gibt diese Sekunden, die sind sehr voll und gleichzeitig sehr leer. Voll mit Gedanken aber leer in der Umsetzung. „Immer, wenn ich Sie sehe, sitzen Sie rum, trinken Wein und spielen Kniffel!“, erschien mir keine adäquate Reaktion. Außerdem lief im Hintergrund noch der Horrorfilm „Putzteufel! Töten mit dem Feudel“ in meinem Kopf.
Bin ich etwa in der Nachbarschaft verschrien als die Irre, die immer nur putzt? Weil ich kürzlich Fenster geputzt habe? Idiotischerweise an dem Tag, an dem der Blütenstaub das komplette Kaff gelb einfärbte. Weil ich staubsauge, an zwei bis drei bis keine Tage die Woche? Wenn die Nachbarschaft auf dem Balkon sitzt, schauen sie mir ins Wohnzimmer und beobachten meinen Kampf mit dem Hundehaar und flüstern sie sich zu: „Da, schau, die Bekloppte saugt schon wieder!“ ?
Und was soll man denn sagen? „Ich putze so gern!“ oder „Putzen ist meine Leidenschaft!“ oder sonst eine Absonderlichkeit?
Hätte sie doch nur nichts gesagt. Mein Gehirn ratterte und klackerte auf der Suche nach einer gescheiten Reaktion. Nur leider vermute ich, hält sich mich nun nicht mehr nur für putzsüchtig sondern auch noch für ein bisschen einfältig. Denn die Zeit dehnte sich ein kleines bisschen zu sehr. Ich lächelte zwar über den Balkon hinüber, aber es kam einfach nichts raus aus meinem Kopf. Sie schaute, ich schaute, sie schaute, ihr Partner schaute, sagte aber nichts, ich schaute. Das war ein einziges Hin- und Hergeschau.
Und dann sagte ich: „Tja, wir haben den Hund. Der macht viel Dreck.“
Die Beiden drüben haben keinen Hund. Die haben auch keine vier bis sechs Personen im Haus. Nicht mal Fische. Ein paar Blumen. Letztens ist ein Oleander über die Brüstung gegangen. Den Scheiße-Ruf konnte ich durch das geschlossene Fenster hören. Ich glaube nicht, dass es der Oleander war, der rief.
„Ja, so ein Hund, der macht schon ein bisschen Dreck. Aber er ist so freundlich, Ihr Hund.“
„Ja, ein toller Hund. Ganz lieb. So ein guter Hund.“
Und noch blablabla. Und blablabla. Auf beiden Seiten.
Und dann ich: „Und wenn Sie mich nicht sehen, dann lieg ich in der Ecke und lese ein Buch.“
Gleichzeitig dachte ich: „Was sage ich denn da? Was soll das denn? Warum halte ich nicht einfach die Klappe und gehe rein und lege mich in die Ecke und lese ein Buch, verdammt nochmal. Ich Depp. Mein Leben. Putzen und Lesen. Toll.“
Ich ging rückwärts vom Balkon, ließ die Nachbarn nicht aus den Augen und kaum dass ich mich getrollt hatte, hörte ich das Klappern der Würfel beim Kniffel. Die spielen jeden Tag Kniffel. Auf dem Balkon. Außer bei Regen.
Was willste machen. Die denken, ich putze nur und lesen. Ich denke, die Kniffeln nur und gucken Fernsehen.

Und jetzt ist es mir wichtig, mitzuteilen: Ich bin kein Putzteufel. Gut. Vielleicht habe ich eine klitzekleine Reinlichkeitsstörung. Aber das hatte schon meine Großmutter. Ist also genetisch. Wenn überhaupt, dann bin ich Freund des Wischens. Und des Teppich-bürstens.