Stellen Sie sich vor, wie ich in einem Auto sitzen. Die Sonne brennt auf das Dach, der Stau quält sich über die Autobahn und im Schritttempo geht es voran. Das Auto gibt Warnsignale von sich, eine kleine Zapfsäule blinkt hektisch am Armaturenbrett. Die Nerven werden von flinken Gedanken gezupft wie eine wilde E-Guitarre.

Und dann ist es soweit. Auf dem überall internetfähigen Smartphone suche und finde ich den Soundtrack. Ich verbinde das Ding mit den Boxen, drehe die Klimaanlage aus, die Lautstärke rauf, lasse die Fenster herunter und los geht die wilde Fahrt.
In meinem Kopf. Denn in meinem Kopf sehe ich die Wahrheit des Paralleluniversums.
Mein Bauchspeck ploppt leise und statt weicher, muskelarmer Masse fühle ich eine glatte, steinharte Fläche unter meiner schwarzen Ledercorsage. Feste Brüste wippen im Takt der Musik. Das Haar fliegt im Fahrtwind, die Sonne brennt auf die Straße und lässt die Luft flirren. Auf dem Beifahrersitz liegt meine Pumpgun. Ich lasse meinem Arm lässig aus dem Fenster hängen und streichle den Fahrtwind mit meinen langen, roten Nägeln. Vor mir kommt ein dunkler SUV in Sicht. Schnell schließe ich auf und fahre ihm ganz nah an den Kofferraum. Ich hupe, der Wagen wird nicht schneller. Ich nehme meine Pumpgun, ziele durch das Beifahrerfenster und beim Überholen schieße ich dem Penner den Spiegel ab. Dann fahre ich irre lachend weiter. Die Kilometer fliegen an mir vorbei, mein Ziel ist das Nirgendwo. Knappe fünf Minuten lang. Ich schieße noch den ein oder anderen Spiegel ab und ich kann nicht dafür garantieren, dass es keine Verletzte gab.
Nach den fünf Minuten gibt es den Sprung raus aus dem Paralleluniversum.

Und hinein in das, was war. Vergangenheit. Gewesen. Vorbei. Der Körper wechselt in seine zwanzigjährige Form. Im Auto. Dunkelheit. Fahren durch Käffer, in denen nur jede zweite Straßenlaterne leuchtet und niemand mehr auf dem Bürgersteig zu finden ist. Und wieder sind die Fenster unten und in unfassbarer Lautstärke klingt es durch die Luft. Und dann werden Köpfe geschüttelt. Und dazu wird gelacht. Ein Lachen, tief aus dem Bauch. Aus den Eingeweiden. Ein Lachen, das schüttelt. Tränende Augen, schmerzende Muskeln, ein Lachen, das nicht enden möchte, dass immer weiter durch den Körper perlt. Wunderbar. Keine Gedanken an das, was ist, wenn es hell ist. Wenn die Sonne scheint, leuchtet sie das Unglück aus. In der Dunkelheit lösen sich Gefühle, verdichten sich Gedanken und sterben will man nicht, aber manchmal wünscht man sich, nicht geboren zu sein. Wie gut, es lauthals in die Dunkelheit zu singen. Sechs Minuten lang Freiheit. Sechs Minuten in vergangenen Zeiten. Und dann…

… kommt das dicke Ende. In einem anderen Universum lasse ich den Wagen einfach mitten auf der Autobahn stehen. Ich springe heraus. Die Autos um mich herum halten an. Ich renne zwischen ihnen herum, tanze, biege mich in tausend Richtungen, springe auf sie, springe wieder herunter, und dabei singe ich. Dass die Musik meine Liebe ist. Das alles in einem wunderbaren Kleid, dass sich im Takt der Musik dramatisch um mich herumwindet. Überhaupt. Es scheint, der Wind liebt mich, so wie er mich anpustet und großartig in Szene setzt. Vermutlich liebt mich die ganze Welt. Auf jeden Fall liebt sie es, wie ich singe, wie die Musik in unglaublicher Lautstärke aus meinem Auto dringt und wie ich tanze. Mein ganz eigenes Lalalaland.

Die Autobahnabfahrt kommt in Sicht. Soll ich? Den Standstreifen? Es sind nur noch achthundert Meter. Aber es ist doch verboten. Das darf man doch nicht. Also etwas Geduld. Und Anstand. Keine Schüsse, kein Headbangen, kein Tanz. Einfach im Auto, mit der Tanknadel kurz vor dem Zusammenbruch, warten.
Anständig. Wie es sich gehört.

Und dabei noch ein bisschen durchdrehen. Innen.