Ich lebe unter einem Dach mit einer Fledermaus. Sie kackt mir auf die Fensterbank meines neuen Zimmers. Erst dachte ich, eine Maus sei irgendwie aufs Dach gekommen, bei genauerer Untersuchung stellte sich das Geknödel als Fledermauskacke heraus und da Fledermäuse wohl stets kurz vor dem Einflug ins Zuhause ihren Darm entleeren, liegt es nahe, dass sie genau über mir ihr Nest hat. Das finde ich reizend. Abends ist sie wohl immer unterwegs, deshalb stört sie mich nicht. Sie feiert auch keine Partys und hält mir mit Sicherheit das ein odere andere Insektengesocks vom Hals.

Mein neues Zimmer. Oben unter dem Dach. Das Zimmer, von dem ich dachte, dort fühlt sich alles anders an, wenn ich dort bin. Seltsam ist doch, dass ich so etwas immer noch denke. Müsste ich es nicht besser wissen? Dass man immer man selbst ist, egal wo man schläft?
Ich stellte mir eben vor, ich würde hier oben mein Laptop zücken und schreiben, was das Zeug hält, weil ich endlich weit genug weg von der Familie bin und in Ruhe in einen Schreibfluß kommen könnte. Könnte, hätte, würde. Jetzt tappen die Leute eben die Treppe nicht zu mir herunter sondern herauf. Und wenn ich zehn Mal die Tür zumache, sie kommen trotzdem. Und wenn ich mir mit Kopfhörern laut Musik ins Hirn blase und gar nicht höre, dass sie kommen, erschrecken sie mich auch noch so, dass ich um mein Leben fürchte. Herzkasper droht. Ich kann so nicht arbeiten. Schreiben im Angesicht des Alltags.
„Mama, ich muss tanken, gibst du mir…“ und „Ich bin fett. Ich bin ganz sicher fett.“ oder „Ich wollte nur mal gucken, was du machst.“
Versuche ich, in Stille zu schreiben, dann wummert der ein oder andere Bass durch die Wände. Manchmal kommt er von ganz tief unten, manchmal nur von wenigen Treppen tiefer. Wenn ich dann lese von Menschen, die sich zu irgendwelchen Schreibworkshops oder Schreibwerkstätten oder Schreibsonstwas ans Meer, in die Berge oder in die Wüste zurückziehen, dann bin ich neidisch. Nicht nur so ein bisschen. Richtig neidisch bin ich dann.
Und frage mich jedes Mal, warum ich das nicht mache. Die Antwort ist so einfach. Weil ich mich auf das Ohne-Mich-Geht-Es-Nicht-Pferd gesetzt habe und seit über zwanzig Jahren auf diesem ollen Gaul durch die Prairie reite. Das ist doch völliger Mumpitz. Denn es geht ohne mich. Definitiv. Alle sind alt genug. Alle sind bereit dazu. Der einzige, der es hier nicht schafft, das bin ich selbst.

Drei Monate wollte ich letztes Jahr abhauen. Zwei Tage habe ich geschafft. Das ist wirklich ein bisschen armseelig.

Aber das Pferd lässt mich nicht so ohne weiteres absteigen. Vermutlich muss ich abspringen, denn stehenbleiben tut es nicht. Wie früher, wenn die Füße auf der Schaukel bis über die Kronen der Pappeln reichten und genau dann der Moment war, in dem ich sprang. Und flog. Mit einem Kribbeln im Bauch und einem ordentlichen Schlag in alle Knochen beim Aufkommen. Früher war es so einfach. Und heute ist es so schwer.