Nach nun immerhin bald sechs Jahren, oder ganz genau zweitausend und neunundfünfzig Tagen gab es keinen richtigen Urlaub mehr. (Nachtrag: Ich bitte diesen miserablen ersten Satz zu entschuldigen. Gerade, um vier Uhr früh, fiel mir seine unlogische Aussage ein und auf. Was ich sagen wollte: Lange keinen Urlaub gemacht. Also nicht „Nach nun“ sondern besser „In den“. Und ja, lautes Schnarchen bin ich nicht mehr unbedingt gewöhnt. Da wird die Nacht…, lassen wir das.) Gründe gab es viele und letztlich gewöhnt man sich den Urlaub auch ab. Urlaub; kaum fährt man irgendwohin, ist mit Tod und Verderben zu rechnen. Tod links und Verderben rechts.
Irgendwann sollte man sich aber ein Herz fassen, die abergläubischen Gedanken aus dem Hirn verbannen und trotz allem das Köfferchen packen und die rheinische Tiefebene hinter sich lassen.
So geschah es heute Morgen.

Das eigene Kissen noch zum Köfferchen dazugelegt, ja, im Alter ist es ratsam, das eigene Kissen mitzunehmen, wo doch noch ein bisschen Platz im Auto ist, die Köfferchen vom Gutfrisierten und dem Wolkenköpfchen dazugepackt, Killerdog noch einmal genauestens instruiert, was die Versorgung des Hundes angeht (ich habe in der ganzen Küche Klebchen angebracht mit den Aufrufen: „Der Hund braucht Wasser und Liebe“, „Denk an den Hund!“ und ähnliche), darauf hingewiesen, dass mein Zimmer nicht betreten werden darf von irgendwelchen dahergelaufenen Schnöseln, die sich zu einer eigentlich verbotenen Hausparty einfinden und dass alle Zerstörungen von den Zerstörern zu zahlen sind und schon ging die Reise los.

Erste Entspannung fand auf der A acht statt. Da musste man nicht mit hundertzwanzig Sachen über die Autobahn blasen, man konnte ganz gemütlich mit zwanzig Stundenkilometern die wunderbare Umgebung genießen.
In Phasen des schnelleren Vorankommens musste ich mich von ein paar Holländern mobben lassen. Die dürfen ja in den Niederlanden nie schneller als einhundertdreißig fahren, sonst gibt es deftig was auf den Sack. Das ist natürlich blöd, wenn man ein Auto hat, das einhundertneunundneunzig fahren kann. Deshalb freut sich der holländische Mitmensch sehr, wenn er auf der Autobahn in Baden Württemberg mal in den Grenzbereich fahren darf. Blöd nur, wenn genau dann ich auch dort vorbeikomme. Denn mein Auto, in den Papieren steht hundertzwanzig PS, ist eine lahme Gurke. Es sieht schnittig aus, es behauptet von sich, sportlich zu fahren, aber wenn ein Hügel aufwärts führt, was soll ich sagen. Da beobachte ich die Tachonadel, die leicht zitternd immer weiter abfällt, bis sie bei achtzig ankommt und ich keine andere Möglichkeit sehe, als in den dritten Gang zu schalten. Auf der Autobahn. Ich bin ein bisschen empört von dem Auto. So kenne ich Autofahren nur von damals, Ende der Neunzehnachtziger. Der kleine schwarze Schrottkarren, der hatte ähnliche Beschwerden. Wenn der Urlaub fertig ist, werde ich in eine Werkstatt fahren und fragen, was das Auto für Probleme hat. Es braucht wohl professionelle Hilfe.
Wo war ich? Ach ja, die mobbenden Holländer. Die kommen im Affenzahn von hinten angebraust, drücken mir eine Lichthupe rein, überholen und schneiden mich dann ganz elegant. Jedesmal musste ich schreien: „Verdammte Scheiße, ich kann doch nicht schneller…!“.
Haben die natürlich nicht gehört, die waren dann ja schon weg.

Statt der geplanten fünfeinhalb Stunden kamen wir nach fast sieben Stunden am Ziel an. Das kann passieren. Davon geht die Welt nicht unter. Wir warfen die Klamotten in die Ferienwohnung, der nette Vermieter informierte uns über die Möglichkeit, auf der Alpe noch ein Abendessen zu bekommen, zeigte uns die Richtung, Wolkenköpfchen wechselte noch das Schuhwerk und dann gingen wir los. Hinauf. Schritt für Schritt. Nach fünf Minuten wurde mir sehr warm im Nacken, nach sieben Minuten befürchtete ich, meine Ohren könnten überkochen. Irgendetwas wummerte hinter meinen Augen, ich vermute, da war kurzfristig eine Heavy-Metal-Band eingewandert. Ein wunderbarer Blick auf Berge, auf satte grüne Wiesen, das läuten großer Glocken (die ich auch jetzt, während ich auf der Couch liege, sehr gut hören kann; als würde ein durchgedrehter Eisverkäufer mit seinem Eiswagen in einer  Endlosschleife ums Haus kurven; wann schlafen Kühe?), herrlich. Dazu Sonne auf die Rübe, Bergauflaufen und ein lustiges Gefühl in den Oberschenkeln. Das ist doch Urlaub, wie er besser nicht sein kann.
Nach etwas über dreißig Minuten erreichten wir das Ziel. Die Entfernung, die bewältigt wurde, lag bei eintausend Metern. Ja. Einem Kilometer. In einer halben Stunde. Ich bin kein Anwärter auf eine Siegerurkunde oder Ehrenurkunde.
Aber ach, was soll es denn. Es war steil. Oder nicht richtig steil, eher ansteigend. Zumindest so, dass das Wolkenköpfchen froh war über die Turnschuhe und das abgebrochene Vorhaben, in Flipflops zur Alpe zu laufen. Ich hatte Sandalen an. Die kamen auf dem Rückweg richtig zum Tragen. Davon später.

Wir erreichten also die Alpe, ich im Zustand einer Tomate aus der Mikrowelle, setzten uns gleich an einen Tisch im Schatten (ich spannte sofort den Sonnenschirm auf und fragte dann erst die Bedienung, ob das in Ordnung sei; sie konnte nicht nein sagen, schon gar nicht bei meinem Teint) und bestellten Getränke.
Dann schauten wir in die Speisekarte. Die zeigte sich als Karte des Albtraums für Veganer. Zum Glück sind wir keine, sonst hätten wir gleich wieder gehen können. Aber eine Vegetarierin war an Bord. Darum gab es dann Käse, eine saure Käseplatte. Mit Romadour und Zwiebeln.
Das war sehr lecker, sehr herzhaft, man bekam erstklassige Käsefinger und war anschließend so satt, dass man nicht einmal ein Kaugummi kauen wollte, obwohl man das ja nicht runterschluckt.
Anschließend wurde noch kurz von zwei Mitgliedern der Reisegruppe (und ich war es nicht) auf der Schaukel geschaukelt (mir wäre sonst der Romadour wieder hochgekommen), die Route für die angedachte morgige Bergbesteigung hinauf zum Grünten geplant und dann ging es wieder hinunter zur Ferienwohnung.
Bergab rutschten mir die Füße vor in den Sandalen. Was ist das für ein Mist? Meine Zehenspitzen titschten ununterbrochen vorne an den Schuh, der vorn geschlossen ist. Das tut irgendwann echt weh.
Die Empfehlung, Tippelschritte zu machen, führte zu einem linksseitigen Wadenkrampf, für den ich mich auch artig bedankte und dann begann das große Rumoren. Offensichtlich gab es in meinem Bauch eine Kernfusion zwischen zweierlei Käse, rohen Zwiebeln, Essig und einem Kilo Mirabellen, die ich mir während der Fahrt reingezwirbelt hatte. Plus vier Lakritzschnecken.
Jetzt liege ich auf dem Sofa, habe einen Wanst wie einen Fesselballon, bin sehr froh, dass ich heil den Hügel wieder heruntergekommen bin und bemerke mit großem Erschrecken, dass ich meine Wärmflasche zuhause vergessen habe. Und den Fenchel-Anis-Kümmel-Tee. Und meine Kopfhörer. Wie soll ich einschlafen, ohne dass mir jemand etwas vorliest?

Alles in allem also ein wunderschöner erster Urlaubsreisetag. Es geht mir gut und ich bin zufrieden.