Die Nacht, oh diese Nacht. Ich nutzte die Nacht, um meine Käsevergiftung auszukurieren. Um das genauer zu erklären, muss ich ein Frauen-Tabu-Thema ansprechen. Die Flatulenz. Entsorgung unphysiologischer Gasansammlungen des Magen-Darm-Bereichs. Offensichtlich hatten die geschätzt fünfhundert Gramm Käse mit Zwiebel eine verheerendere Auswirkung als noch am Abend vermutet. Wie ein gestrandeter Wal lag ich auf dem Bett, mit dem bleichen und aufgetriebenen Bauch nach oben. Es machte Geräusche innen drinnen, als hätten sich mehrere Aliens dort eingenistet und spielten Räuber und Gendarm.
Kurz gesagt, auch Frauen furzen. Sie versuchen es mit Würde, Grandessa und Noblesse. Nach einer Käsevergiftung geht aber zuallererst die Würde flöten. Alles andere folgt den Bach runter.
Irgendwann schlief ich ein. Um halb vier war es noch nicht wirklich besser. Um acht aber schon. Der Bauch war annähernd in normaler Schwabbelform zurück, kein Trommelbauch mehr.
Die Folge ist, keiner braucht mir mehr mit Käse zu kommen, in den nächsten Tagen. Oder Wochen. Jahren?

Morgens früh wurde gutgelaunt allerlei eingekauft. Frühstückswaren, Getränke, was man so braucht. Und nach einer kleinen Mahlzeit zog sich die Reisegruppe Wanderschuhe an die Füße und machte sich auf zur Klamm. Die sollte mit digitaler Hilfe gefunden werden. Ich glaubte dem Digital auch erst einmal. Bis wir an einer Straße standen, für die ein eindeutiges Verkehrsschild die Weiterfahrt nicht erlaubte.
Ich hatte mich schon vorher gewundert, schien mir die Richtung irgendwie nicht korrekt. Aber mir wurde hin und wieder gesagt, ich solle dem Digital vertrauen und einfach dort entlang fahren, wo er sagt.
Ich drehte dem Digital nun aber kurzentschlossen den Saft ab, den Hahn zu, was auch immer, dann fuhr ich auf gut Glück, nach Gefühl und Pi mal Daumen. Nach fünfundzwanzig Minuten hatten wir unser Ziel erreicht. Geht doch.
Dann fanden wir auch noch einen Parkplatz und los ging es.

Eine Klamm.
„Eine Klamm ist ein im Festgestein eingeschnittenes, schmales Tal. Das Wort Klamm ist vor allem im österreichischen und bairischen Sprachraum geläufig und bezeichnet eine besonders enge Schlucht im Gebirge mit teilweise überhängenden Felswänden.“
Dem gibt es an Erklärung nichts mehr hinzuzufügen.
Die roten Pfeile auf dem nun folgenden Bild zeigen das Loch, welches der Eingang in die Klamm ist.

Klaustrophobie kann man sich an diesem Ort nicht leisten. Im weiteren Verlauf zeigte sich, dass Höhenangst ebenfalls nicht ratsam ist. Und zu guter Letzt darf man dem eigenen Körper gegenüber nicht zimperlich sein. Was sich mit vierhundertfünfzig Höhenmetern anhört wie ein Spaziergang, entpuppt sich in der Realität als eine Angelegenheit, die über Leben oder Sterben entscheidet.
„Sollen wir zurückgehen?“ wurde ich regelmäßig von den Mitgliedern der kleinen Reisegruppe gefragt, wenn ich wieder japsend über einem Geländer hing, hinter welchem es gefühlt tausend Meter in die Tiefe ging und ich mir überlegte, wie schnell ich doch wieder unten sein könnte.

Aber wer bin ich? Memme oder Mutprotz? Also, den Mutprotz, den trage ich wie einen Fatsuit um mich rum. Innen heult die Memme, dass ich mich offensichtlich einem Herz-Kreislauf-Versagen am Berg hingeben will.
Und so krabbelte ich immer weiter. Alles pochte, klopfte, triefte vor Schweiß, ich schnaufte wie eine olle Lokomotive, aber ich dachte, ich kann das. Ich will das jetzt können. Alle zehn bis zwanzig Kletterschritte blieb ich stehen, um irgendeinen Scheißblick zu bewundern. Ich sehnte mich nach einer Flasche Sauerstoff. Und wenn Familien mit Kindern an mir vorbeizogen, dann fühlte ich mich auf seltsame Art erniedrigt. Fünfjährige kleine Penner, die auch noch zwischendurch hüpften.

Nach knapp einhundertfünf Minuten waren wir irgendwo angekommen. Oben. Und ich war kurz davor, die Bergrettung einzufordern. Sollte doch bitteschön ein Hubschrauber kommen, um mich hinunter zum Parkplatz zu fliegen. Alsdann würde ich mich ins Auto werfen und mit meinen mit Wanderstiefeletten bekleideten Füßen das nörgelige Gaspedal bis zum Bodenblech durchtreten und zurück in die Wohnung rauschen.

In der Ferne grollte ein Donner. Ich sprang nach einigen Schlucken abgestandenen und lauwarmen Wassers und einem halben Müsliriegel auf und ermahnte zum schnellen Abstieg. Man kennt das ja. Das Unwetter bricht über die bergsteigenden Wandersleute herein und keiner überlebt. Oder vielleicht maximal einer, der dann die Geschichte des Unglücks verfilmt, massenhaft Geld damit verdient und niemals mehr zu arbeiten braucht. Ich wäre das ganz sicher nicht. Bei Gewitter am Berg oder gar in der Klamm würde ich schon allein vor Angst sterben. Ich hätte keine Chance.

Unten kamen wir übrigens schon nach zwanzig Minuten an. Sehr lustig, wie schnell man irgendwo herunterkommt, wo man vorher mühevoll hinaufgestiegen ist. Es kamen uns noch ein paar suizidale Klettermaxe entgegen, denen ein Donner egal war. Es gab letztlich auch kein Gewitter. Aber es hätte eins geben können. Und dann hätten wir Probleme gehabt.
Egal. Die anderen Klettermaxen schnauften übrigens auch sehr ordentlich beim Aufstieg, während ich lässig die Klamm hinunterturnte.
Ein Frau ranzte ihren Mann an: „Beim nächsten Mal Strand, mein Lieber!“ und zwar an einer Stelle, an der ich vor gar nicht langer Zeit exakt dieselbe Äußerung tat. Vermutlich hing das mit diesen komischen Wurzeln zusammen, die einem ein Bein stellten.

Später saßen wir im Auto, ich fuhr zurück dahin, wo wir hergekommen waren und warf mich auf den Balkon, wo ich langsam ausdampfte. Ich trank Zitronenlimonade, las ein bisschen Zeitung und dann sprang die restliche Reisegruppe auf, zog sich wieder die Wanderschuhe an und marschierte los, hinauf auf den Grünten. Ich winkte ihnen hinterher und dachte, wie bekloppt kann man sein?

Nur vier Stunden später, kurz vor Sonnenuntergang und kurz vor einem Nervenzusammenbruch meinerseits, wo sie denn bloß bleiben würden, tauchten sie wieder auf. Jetzt können sie nur noch sitzen oder liegen. Morgen, so vermute ich, gibt es eine Wanderpause. Ich habe nichts dagegen. Ich fahre dann ins Städtchen und ziehe mir ein Spaghettieis in der Eisdiele am Marktplatz rein.

Der zweite Tag der Reise war ganz großes Kino. Ich bin weit über meine Grenzen gegangen und erwarte in den nächsten Tagen eine Beglückwünschung durch den Bundespräsidenten für meine Verdienste um den Behindertensport.

Selten so nah am Tode hantiert. Echt mal.